Postings in Szene gesetzt

3. Juli 2009, 15:05
7 Postings

Teil 2 des Volkstheaterstücks "Fluchtarien" von Julya Rabinowich, in der szenischen Gestaltung von Veronika Barnaš - Postings von derStandard.at auf der Bühne

... Fortsetzung vom 03.07.2009

T: An der Grenze fangen sie uns ab, fangen sie uns auf, ich falle, falle in ihre helfenden Hände, in ihre wärmenden Decken, in ihren Bus, und ich denke, mein Mann hatte recht, alles wird wieder gut.

T: Und als wir schon in Wien sind, und alle gegessen haben, und geschlafen, und sogar beim Arzt, als mir ganz klar ist, dass wir leben, da fällt mir der Wald wieder ein. Und der Schnee. Die Stille. Und dann wird mir klar, mein Kleiner hat nicht mal ein Grab, das sich Grab nennen könnte, während wir hier in Traiskirchen-

P: wie die Maden im Speck

T: - ein Bett haben und ein Dach über dem Kopf und billiges Essen. Es geht uns gut.

P: so mancher Pensionist würde gerne tauschen.

T: Uns geht es gut, aber der Wald liegt hinter der Grenze, die wir überwunden haben, der Wald gehört nicht zu Österreich, wie mein Kind nicht zu mir gehört mehr, es ist hinter uns zurückgeblieben und ich habe nicht mal einen Stein für sein Grab. 

P: zuenden's ein kerzerl an !ein frommes gebet schadet auch nicht, also bitte drei mal den rosenkranz rauf und runter leiern... 

GOTT wird es ihnen danken, he he..

T: und ich werde von vielen Unbekannten befragt, und ich rede und rede, und je mehr ich rede, desto sinnloser kommen mir die Worte vor, weil sie der Realität nicht standhalten können, weil "Weg" und "Kälte" und "Wald" sinnlos sind. Und weil es so sinnlos ist, lache ich und lache und lache, und meine Kinder finden das nicht lustig, und wollen auch reden, und ich hasse die Worte, die mir fehlen und die ich sorgsam verteilen muss, damit ein jeder zufrieden ist, ich lache also und dann schweige ich.

P: - nur damit wir wieder mal deppert herzeigen müssen, wie sozial unser dummer staat ist.

T: und dann kommen andere, die wissen wollen, wo dieser Wald denn ist, und ich weiß es natürlich nicht, und ich lache wieder und sie geben mir Medizin, ich nehme sie statt den Worten in meinen Mund und schlafe. Und dann fragen sie mich wieder, und wieder, wo, warum, weshalb, woher.
Wo ich über die Grenze gekommen bin. Ich wüsst es selber gerne, weil ich in den Wald zurück will. Unbedingt zurück will. Dann bin ich artig, weil ich soviel erzählt habe, und sie sagen mir das Zauberwort: Slowakei. Und ich weine gleich wieder, vor Freude diesmal, weil der Wald kein namenloser mehr ist, sondern ein bekannter, fast ein verwandter. Sl-owa-kei.

Und sie geben mir Blätter zum unterzeichnen, ich mach so, als ob ich die Zeichen deuten könnte, weil es mir peinlich ist, ich habe es nie gelernt, und mach eine Wellenlinie drunter, die wie Zeichen, ja nicht wie ein Kreuz aussehen soll und sie lassen mich in Ruhe.

P: Schwachsinn.

T: Slowakei ist eine Glocke. Deren Klang breitet sich in mir aus und schwingt und lässt mich beben. Und ich erkläre meinen Kindern, dass ich unbedingt in die Slowakei muss, ihr Geschwister holen, damit es endlich wieder bei uns ist. Sie klammern sich an mich, sie lassen mich gleich darauf nicht mehr alleine aufs Klo, in die Küche, nirgendwohin, ich gehe mit einer Traube Kinderkörper an mir umher, meine Zimmernachbarin meint: so ein großer Junge, schäm dich, und mein Sohn kritzelt Zeichnungen an ihre Tür, und wird natürlich ertappt und es gibt Ärger, weniger mit ihr, aber mit der Hausverwaltung, weil die Tür kostbar ist und der Lack auf ihr erst recht.

P: Geh bitte.

T. Unser Lack ist jedenfalls ab. Das wird auch Ärger geben. Ich erfahre: wir sind mutwillig aus der- Slowakei- weiter gezogen. Jetzt sind wir hier. Lange sind wir hier schon hier, ich würde sagen: fast zu lange, meine Kinder versuchen aus allen Kräften, hier zu sein. Ich will in die Slowakei. Nur einmal.

In die Slowakei! Mit Kerzen und Blumen. In die Slowakei!

Mit allem was dazu gehört. Wenn ich wieder über die Grenze gehe, dürfen wir nicht mehr rein. Hier dürfen wir nicht rein.

Wir müssen dann leider draußen bleiben.

Mein Sohn kommt mit neuen Worten, immer neuen. Ich lerne heimlich mit ihm mit, ich bitte ihn, die Worte zu lesen und die Zeichen zu zeigen und während ich ihn lobe, versuche ich mir alles zu merken-

P: statt dass man der eigenen Jugend mal helfen würde.

T: Meine Tochter hat Freundinnen. Ältere. Sie mag keine kleinen Kinder mehr sehen. Wenn sie nicht zu Hause sind, setze ich mich still in eine Ecke und läute innen die große Glocke Slowakei.

Fortsetzung am 10.07.2009 ...

 

  • Alle Texte und Bilder mit freundlicher Genehmigung von Julya Rabinowich und Veronika Barnaš.
  • Ein Insezenierung am Volkstheater Wien mit Luisa Katharina Davids, Patricia Hirschbichler, Katharina Vötter und Wolf Dähne.

 

 

  • Artikelbild
    foto: lorenz potocnik
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