Postings in Szene gesetzt

26. Juni 2009, 13:33
8 Postings

Teil 1 des Volkstheaterstücks "Fluchtarien" von Julya Rabinowich, in der szenischen Gestaltung von Veronika Barnaš- Postings von derStandard.at auf der Bühne

1.Szene

Tschetschenin (murmelnd): Slowakei ist eine Glocke. Slowakei ist eine Glocke. Slowakei ist eine Glocke...

P: Geh bitte.

T: Dunkelheit vor mir. Feuerschein hinter mir. Schweigen in mir und Stille rundum. Das eine Kind an einer Hand, das andere im Arm, der Bub geht vor, vorsichtig im Dunklen.

P: Geh bitte.

T: Rucksack schneidet ein, ist schwer, die ganze Vergangenheit zusammengeschnurrt auf einen Rucksack, und die will man nicht loslassen, irgendwas muss man festhalten, sonst wird man zu leicht, und immer leichter, ausgedünnt von Geschichte, bis man halb durchsichtig ist und dann ganz weg.

P: Zu uns in die soziale Hängematte. geh bitte.

T: Der Rucksack ist wichtig, er verankert mich auf fremder Erde, die wir unter unseren Füssen weiter schieben, wir stoßen uns ab, wie Schlittschuhläufer stoßen wir uns ab, und gleiten, gleiten aus dem Bekannten ins Ungewisse, und es ist kalt, wie beim Schlittschuhlaufen, aber kein heißes Teeglas in unseren Fingern, die ich kaum noch spüre, weder meine, noch die vom Kind.

Ich atme sie an, ich stoße alle Hitze hervor, die mir noch gehört, ich will ein Drache werden, ich werde rasend vor Wut, weil meine Wärme so eine erbärmliche kleine Wärme ist im großen Dunkel des Waldes, wütend wie ein Drache, aber nicht Mal halb so warm, das Feuer ist hinter uns, kein Widerschein gegen den Nachthimmel.

Ich schnappe nach der kalten Luft, stoße die kalte Luft hervor, und die Finger vor mir bleiben wie sie sind.

P (lachend): WirtschaftsKURflüchtlinge. Keine Existenzsorgen zu haben, befreit ungemein! ;-)

T: Viel später werden wir uns wieder erwärmen, wir drei, der ältere Bub, die Tochter und ich. Und die kleinen Finger werden so bleiben wie sie sind, ich werde meine eigenen kaum aus ihnen lösen können, nur mit Gewalt, und ich werde nicht weinen, weil ich ja noch zwei Kinder weiterbringen muss und keine Zeit ist für solche Kinkerlitzchen wie stehen bleiben.

Ich geh also und geh, und meine Augen werden Stein, ich kann die Lider nicht senken, ich kann den Blick nicht lösen von dem Ziel, und das Ziel heißt: vorwärts. Das Ziel heißt: nicht Innehalten.

P: Alles Schönreden hilft nichts, wenn ich von zu Hause wegrenne, weil ich hart für meine Heimat arbeiten müsste und lieber vom Wohlstand anderer mitnasche bin ich arm?

T: Und während ich so geh und geh, hör ich meinen Mann, und er sagt mir, wo ich langgehen soll, und er verspricht, das alles gut wird, und als er mich umarmt, und ich meinen Kopf endlich anlehnen kann an seine Brust, und mich wieder beschützt fühle, wie früher, als ich alle seine Entscheidungen mit trug, so, wie ich es gewohnt bin, und als ich aufatme, weil ich ihm endlich alles überlassen kann, rüttelt mich mein Sohn, rüttelt mich ganz brutal, mit so viel Kraft, wie ich sie ihm nicht zugetraut hätte, und sagt: Mama steh auf. Und seine Stimme hat auf einmal einen Klang, den ich von den Soldaten kenne, von unseren und von den feindlichen. Heiser, ängstlich, brutal.

P: Ein Großteil jener die bei uns um Zuflucht ansuchen, sind keine Unschuldslämmer sondern schlicht kaltblütige Kriminelle vor deren Gegenwart uns der Staat eigentlich schützen sollte.

T: Und mir wird klar, dass ich diese Stimme aus seinem Kindermund nicht hören will, und das bedeutet, dass ich General werden muss, um ihn vor dem Soldatendasein zu bewahren.

P: Sie kommen nach Österreich, wollen sofort Unterstützung, über 1000 € sind ihnen zu wenig, da liegen sie lieber im bett, frieren + hungern angeblich. alle sind so böse zu ihnen.

T: Und ich lache, und sage, alles wird gut, und ich stehe auf, schüttele den Schnee ab und setze wieder einen Fuß vor den andern.

P: tja, Pech, hättens eben net dauernd kriege angezettelt dann würde es ihnen jetzt net so dreckig gehen.

Fortsetzung am 03.07.2009 ...

 

  • Alle Texte und Bilder mit freundlicher Genehmigung von Julya Rabinowich und Veronika Barnaš.
  • Ein Insezenierung am Volkstheater Wien mit Luisa Katharina Davids, Patricia Hirschbichler, Katharina Vötter und Wolf Dähne.

 

 

  • Artikelbild
    foto: christoph sebastian
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