Hahnenkämpfe um elektronischen Buchmarkt

19. Juni 2009, 08:49
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Bücherwürmer begegnen den wenig inspirierenden E-Book-Readern mit großer Skepsis. Hinter den Kulissen positionieren sich bereits die großen zwei, Amazon und Google, um den Zukunftsmarkt

So recht scheint es in Europa noch keiner zu bemerken. Aber nach Musik, Video und Zeitungen sind Bücher eine der letzten Fronten der Digitalisierung. Das Buch ist weiterhin überwiegend analog, nur bei Lexika hat Wikipedia Print verdrängt. Aber Kochbücher, Sachbücher, Romane oder Krimis?

In den USA mehren sich jedoch die Zeichen, dass hier der nächste große Umbruch der Medienbranche bevorsteht. Im Scheinwerferlicht steht seit mehr als eineinhalb Jahren Amazons E-Book-Reader Kindle, inzwischen in zweiter Auflage und einer Maxiversion für Magazine, Zeitungen und Lehrbücher; nebst Readern von Sony und Start-ups.

Hardware

Lesegeräte, noch immer weit entfernt von einem befriedigenden Standard, sind jedoch nur ein Teil des Medienumbruchs. Der größere Teil ist, wie bei Musik und Film, der Inhalt selbst, die elektronischen Büchern in Form von Dateien. Und hier positionieren sich zwei Konzerne zu einem Titanenkampf: Auf der einen Seite Amazon, dessen Herzstück noch immer der Buchverkauf ist, neuerdings auch der elektronische. Auf der anderen Seite Google, die alles digitalisierende Krake, die 2004 damit begann, Millionen Bücher zu digitalisieren - Bestände großer US-Bibliotheken. Microsoft begrub im Mai sein eigenes Scanprojekt, weil Googles Vorsprung zu groß war.

Dass die Akzeptanz des lesenden Publikums zum Wechsel auf Lesegeräte und elektronischen Dateien wesentlich größer sein könnte, als sich das Bücherwürmer bisher träumen ließen, zeigt eine Zahl: 35 Prozent aller Buchverkäufe (nach Stückzahlen, nicht nach Wert) sind bei Amazon inzwischen elektronische Versionen für den Kindle, sagt Amazon-Gründer und CEO Jeff Bezos erst Anfang dieser Woche im Magazin Wired. Mehr als ein Drittel - und das in weniger als zwei Jahren.

Relativierung

Diese Zahl relativiert sich, da Amazon zwar der größte, aber abgesehen von einigen Verlagsprojekten der einzige namhafte Anbieter elektronischer Bücher ist. Hier kommt Google Books ins Spiel: Nachdem Verleger und Autoren in den USA Klagen wegen Verletzung ihrer Urheberrechte eingereicht hatten - in gewohnter Präpotenz hatte Google sein Projekt einfach nach dem Motto: Klagt uns! begonnen und auf Reaktionen gewartet - kam es vergangenen Herbst zu einer Einigung. Google bietet bis auf weiteres nur Bücher an, die nicht mehr gedruckt werden, Abertausende von Buchwaisen, jahrhundertealte Drucke ebenso wie jüngere Bücher, bei denen sich eine neue Auflage nicht mehr rechnet.

All das steckt noch in den Kinderschuhen, Dateiformate sind noch nicht definiert, und während Amazon beim kommerziell erfolgversprechendsten Teil - aktuelle Titel - die Nase vorn hat, weiß es, dass wie bei Musik und Film eines Tages der Gesamtkatalog ausschlaggebend sein wird. "Wir haben eine starke Meinung zu Googles Dominanz des Buchmarktes", sagte Bezos im selben Interview, ohne sie den Lesern mitzuteilen. Anzunehmen ist, dass er eher auf der Seite der US-Kartellbehörde ist, deren Untersuchung zum Google Book Projekt in letzter Zeit an Fahrt gewann.

Dominanz

Eine Strategie, die Amazon einer möglichen Dominanz von Google als künftigen E-Book-Anbieter entgegenstellt: Kindle und E-Bücher seien getrennte Produkte, sagte Bezos. Bisher sind sie eine untrennbare Einheit: Kindle-Bücher können nur auf dem Kindle, nicht aber auf dem Sony- oder anderen Readern gelesen werden, und Kindle liest nur Kindle-Bücher und keine anderen. Künftig will Amazon - mit Kindle-Hardware - auch profitieren, wenn jemand bei Google einkauft, und durch reine E-Buchverkäufe, wenn jemand einen anderen Reader bevorzugt. (Helmut Spudich / DER STANDARD Printausgabe, 19.06.2009)

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