Entsetzen über Krippenwunsch

18. Juni 2009, 19:09
608 Postings

Für unter Einjährige gibt es kaum Betreuung - Die Beamten verstehen auch nicht, warum diese überhaupt nötig sein soll

Zwei Mütter suchen einen Betreuungsplatz für ihr Baby - und stoßen auf breite Ablehnung.

***

Wien - "Ich verstehe nicht, warum die Stadt Wien mit Gratiskindergartenplätzen von null bis sechs Jahren wirbt, wenn man dann für Kinder unter einem Jahr ohnehin keinen Krippenplatz bekommt." Barbara Simons braucht ab Herbst für ihren dann sechs Monate alten Sohn einen Betreuungsplatz. Die AHS-Lehrerin hat ihr Kind im April online bei der MA 10 für einen Krippenplatz angemeldet und hat zwei Wunschkindergärten im 3. Bezirk angegeben. Im Mai kam die Antwort: Leider gebe es in den beiden Häusern keinen Platz.

Daraufhin sei sie zu einem Beratungsgespräch bei einer Servicestelle der MA 10 gegangen, schildert Simons. Was sie dort zu hören bekommen habe, sei ihr "noch nicht untergekommen", erzählt die Mutter im Gespräch mit dem Standard. Abgesehen davon, dass der Wienerin von der Servicestellenleiterin eröffnet wurde, dass es ohnehin keinen einzigen Platz für Kinder unter eineinhalb Jahren gebe, hat sie vor allem die Art und Weise, wie ihr Wunsch nach einem Krippenplatz kommentiert wurde, erbost. "Ob ich denn wirklich schon wieder arbeiten gehen müsse, wurde ich gefragt, mein Kind sei doch noch so klein. Dabei läuft mein Jahresvertrag als Lehrerin im Herbst aus, ich brauche eine Betreuung für mein Kind", sagt Simons, die bei der Servicestelle schließlich auf private Einrichtungen verwiesen wurde.

Doch auch viele Tagesmütter nehmen maximal ein Kind unter einem Jahr auf, der Andrang auf diese Plätze ist dementsprechend groß. Das bestätigt auch Claudia Herz-Ferroli, die Geschäftsführerin der "Kinderdrehscheibe", die private Betreuungsplätze vermittelt. "Die Situation ist im Moment dramatisch." Zirka 40 bis 50 Plätze für die ganz Kleinen gebe es derzeit in Wien, die Plätze bei Tagesmüttern würden bei weitem nicht ausreichen.

Wartelisten für Baby-Plätze 

Auch bei der "Babyoase", einer privaten Einrichtung, die Betreuung für Kinder zwischen null und drei Jahren anbietet, ist der Andrang riesig. "Es gibt bei uns bereits Wartelisten", erzählt die Geschäftsführerin Silvias Marega.

Warten auf einen Platz muss auch Simone Brinkmann. Die Marketingexpertin hat ebenfalls ihre Erfahrungen mit der Servicestelle der MA 10 gemacht. "Alle waren ganz entsetzt, dass ich mein Kind bereits mit einem halben Jahr in eine Krippe geben möchte." Sie habe die vergangenen drei Jahre in Paris gelebt, erzählt Brinkmann, dort sei es überhaupt kein Thema, wenn Frauen acht Wochen nach der Geburt wieder arbeiten gingen.

Auch bei den drei Kindergärten, die sie sich angeschaut habe, sei sie auf völliges Unverständnis gestoßen, erzählt sie. "So Kleine können wir gar nicht nehmen", hat man mir dort gesagt, man habe ja nicht einmal ein Gitterbett. "Irgendwo im Keller müsste noch eines stehen", habe dann eine der Pädagoginnen gesagt. "Warum wird der Kindergarten dann ab null Jahren angepriesen?", fragt sich auch Brinkmann.

Bisher sei der Bedarf an Krippenplätzen nicht so groß gewesen, sagt eine Sprecherin des zuständigen Stadtrates Christian Oxonitsch (SP). Die Kommentare gegenüber den beiden Müttern bei der Servicestelle der MA 10 seien jedenfalls nicht in Ordnung. Wie viele Krippenplätze es in Wien für Unter-Einjährige gibt, lässt sich jedenfalls nicht genau beziffern. Die Statistik weist nur die Plätze für Null- bis Dreijährige aus. In städtischen Kindergärten gibt es demnach 4700 Betreuungsplätze, in privaten 6900. In Kindergruppen können 615 Kleinkinder betreut werden, bei Tagesmüttern finden 1150 einen Platz. (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD - Printausgabe, 19. Juni 2009)

  • Gratiskindergarten von null bis sechs Jahren verspricht die Stadt Wien.
Der Praxistest zeigt: Für die ganz Kleinen gibt es kaum
Betreuungsmöglichkeiten.
    foto: standard/robert newald

    Gratiskindergarten von null bis sechs Jahren verspricht die Stadt Wien. Der Praxistest zeigt: Für die ganz Kleinen gibt es kaum Betreuungsmöglichkeiten.

Share if you care.