Wir malen eure Krise nicht

19. Juni 2009, 12:18
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In "The Essence" präsentiert Edek Bartz bereits zum vierten Mal die Essenz eines Studienjahres an der Angewandten

In Szene gesetzt wird die Vielfalt der Potenziale und die spezielle Atmosphäre der Universität.

Wien - Brotlos. In der Trostlosigkeit dieses kleinen Wörtchens, das in dicken weißen Lettern auf knallrotem Grund auf den Einladungskarten zur diesjährigen Jahresleistungsschau The Essence 2009 prangt, steckt auch eine Spur bockigen Trotzes: Jetzt erst Recht.

Brotlos? Aus der Perspektive von Kunststudenten ist das - Krise hin oder her - eine zeitlose Frage, ein Klischee gegenüber der Kunst als Beruf das immer Saison hat. "Krisen kommen und gehen. Die Kunst bleibt", lautet ein Slogan auf einem Plakat. Oder in der pessimistischen Variante: "Die Krise bleibt. Künstler kommen und gehen."

Verantwortlich für das launige Krisengehabe auf den Drucksorten zur heurigen Essence sind Laurenz Feinig und Tobias Egger, Studenten des Grafikdesign an der Angewandten, die sich mit ihren Entwürfen gegenüber sechs Mitbewerbern durchsetzten. "In den letzten Jahren wurden die Drucksorten mit Bildern gestaltet", erklärt Feinig. "Wir wollten jetzt einfach mal eine rein typographische Arbeit machen, die Aktualität hat. Das Jahr 2009 steht ganz im Zeichen dieser Krise, und wir wollten ganz klar die Verbindung zwischen Kunst und Krise aufreißen."

Manche der Sprüche basieren auf existierenden Slogans: "Eure Krise malen wir nicht" ist etwa eine Abwandlung zu der auf zahlreichen Demos skandierten Parole "Eure Krise zahlen wir nicht". Feinig: "Die allermeisten Slogans sind jedoch im freien Brainstorming aus unseren Köpfen gehüpft". Ist es nicht ungewöhnlich, dass Grafiker auch ihre eigenen Texter sind? "Ja, aber ich hoffe es bleibt so", lacht Egger, der bereits am grafischen Konzept der Essence 08 mitgewirkt hat.

Gut zwanzig Entwürfe, auf jedes Format und Medium abgestimmt, haben die beiden entwickelt. Nicht nur deren Farbigkeit - Weiß, Rot und Schwarz - ist eindeutig politisch besetzt, auch die Schrift - Futura Condensed Extra Bold oblique - hat eine Historie. Interessant macht die zusammengedrückte, extra fette und schräg gestellte Futura für sie vor allem, dass sie inhaltlich so gegenteilig besetzt ist: Lange Zeit war es die Hausschrift der deutschen PDS. (Der aktuelle Essence-Flyer ähnelt deren Plakaten fast bis aufs Haar.) Ebenso hat die Schrift einst in Nazi-Deutschland Verwendung gefunden.

"Es ist eine tolle Chance für die Studenten so ein Projekt von A bis Z durchzuziehen", streicht Katharina Uschan (Abteilung für Grafikdesign) die Möglichkeit heraus, wertvolle Erfahrungen zu machen.

Praxiserfahrung verschieben Kunststudenten längst nicht mehr auf die Zeit nach dem Studium. Schon während diesem nehmen die Studenten jede Möglichkeit wahr, sich in Ausstellungen und Messen zu erproben. Martin Rille etwa. Der Student der Klasse für Transmediale Kunst erntete mit seinem Performance-Projekt Coded Sensation auf der Viennafair im Mai große Aufmerksamkeit.

Rille, beeinflusst von Tanz und Kontaktimprovisation sowie der Arbeit mit blinden Menschen, hat sich in seiner Diplomarbeit, die mit anderen Arbeiten seiner Klasse derzeit in der ehemaligen Markthalle in Wien Mitte präsentiert wird, ganz auf das Taktile konzentriert. "Ich habe mich lange mit Haut als Speicher und Träger von Erinnerungen beschäftigt."

In seinem Projekt spielt die Kleidung die Rolle einer "zweiten Haut", die es galt zum Speichermedium umzufunktionieren. Den entscheidenden Ausschlag gab die Begegnung mit einer Arbeit des Medienkünstlers Nam June Paik, der 1963 erstmals Streifen von Tonbändern an die Wand applizierte und die Besucher mit Tonköpfen abnehmen ließ. Genau dieses Prinzips bedient sich nun Rille, klebt die Bänder jedoch zuvor zu "Stoffen" zusammen.

Behilflich ist ihm dabei ein Maschinchen, das er gemeinsam mit dem Assistenten der Klasse, Max Frey, aus einem Scheibenwischermotor und anderen Fundstücken gebaut hat. Und bei den modischen Kreationen, die man mittlerweile auf seiner Website CodedSensation.com erwerben kann, unterstützt ihn eine ehemalige Modestudentin. An ein großes Label würde er seine Erfindung jedoch nicht verkaufen, stellt Rille entschieden fest. Ein Patent anzumelden erwiese sich sicherlich als schwierig. Rille kann sich aber gut vorstellen, dass in Tokio in ein paar Jahren, junge Leute mit T-Shirts herumlaufen, die Musik auf diese Weise gespeichert haben. Sozusagen als Teil der eigenen Identität.

An die globale weite Welt denkt auch Lea Titz, die gemeinsam mit fünf anderen Studenten der Klasse Fotografie noch bis Samstag ihr Diplom ausstellt. In ihrem Video Trolley geht es "um die erdweit stattfindende Bewegung bzw. um eine gewisse Unruhe, die ich rund um den Globus verspüre". Die Geräusche, die der Trolley beim Fahren über "widerliche Teppichfalten" erzeugt, hat Titz in eine Partitur gepackt. "In Wirklichkeit wird dieses Konzert bereits ständig weltweit gespielt."

Es ist das Unscheinbare in Geräuschen, Handlungen und im Visuellen, das Lea Titz interessiert und in geradezu wissenschaftlich aufbereitete Arbeiten in verschiedensten Medien verpackt: So auch das Video (Weitere) Methoden der Erdumrundung, das die 6,07 Jahre thematisiert, die der Durchschnittsösterreicher - Urlaubstage miteingerechnet - brauchen würde, um eine Linie zu zeichnen, die den Äquator umspannt. Lea Titz stellt ihm für diese Aufgabe zwei Fliegen zur Seite. (Anne Katrin Feßler/ DER STANDARD, Printausgabe, 19.6.2009)

 

Hauptausstellung "The Essence 2009" 26. 6. bis 15. 7., täglich 11 bis 18 Uhr, Eröffnung 25. 6., 19 Uhr, Expositur, 3., Vordere Zollamtsstraße 3. Weitere Orte / Präsentationen: Klasse Transmediale Kunst bis 28. 6., Mo. bis Do., 17 bis 23 Uhr, 3., Wien Mitte, ehemalige Markthalle. Klasse Fotografie bis 20. 6., Di. bis Fr., 15 bis 20 Uhr, Sa. 12 bis 17 Uhr, das weisse haus, 1., Wollzeile 1. Abteilung Digitale Kunst: "Alias in Wonderland", 25. 6. bis 12. 7., täglich 10 bis 20 Uhr, Eröffnung 24. 6., 19 Uhr, Freiraum/quartier21, 7., Museumsplatz 1.

www.dieangewandte.at/essence09

 

  • Martin Rille transportiert taktile Erfahrung in den akustischen Bereich. In "Coded Sensation" wird Kleidung zum Speicher von Erinnerung, die sich mittels Tonköpfen sinnlich abrufen lässt.
 
 
    foto: janos karpati


    Martin Rille transportiert taktile Erfahrung in den akustischen Bereich. In "Coded Sensation" wird Kleidung zum Speicher von Erinnerung, die sich mittels Tonköpfen sinnlich abrufen lässt.

     

     

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