Renitenz mit Bügelfalte

18. Juni 2009, 18:29
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Das neue Album der US-Band Gossip ist soeben erschienen

Wien - Der Albumtitel ist natürlich ein Witz. Beziehungsweise eine konsequente Weiterführung des von der US-Band Gossip offen geführten Gender-Diskurses, für den Sängerin Beth Ditto mit vollem (Körper-)Einsatz Gesprächstoff liefert. Ditto, knapp eins sechzig hoch, kugelrund und alles andere als introvertiert, wird zudem als ästhetischer Gegenentwurf zum herkömmlichen Geschmacksverständnis und Modediktat gehandelt und zur neuen "Stilikone" ausgerufen. Mit dem Orden " Ikone" ist man dieser Tage bekanntlich großzügig. Aber das ist ja nicht Dittos Schuld.

Die aus dem US-Bundesstaat Arkansas stammende und mit allen regionalen Klischees des White Trash ausgestattete 28-jährige Lesbe wurde Coverstar von Modemagazinen, einschlägige Gurus wie Karl Lagerfeld oder Stella McCartney hofierten Ditto, die bald über jene Catwalks stampfte, auf denen ansonsten nur hochbezahlte Hungerleiderinnen ihre Absätze in den Boden bohren. Dass sie einen eher legeren Umgang mit ihrer Körperbehaarung pflegt, muss in jeder anständigen Gossip-Geschichte auch stehen - hiermit erledigt.

Ditto wurde damit eines der akuten "It-Girls" der Branche, und Aufmerksamkeit macht bekanntlich bedeutend: Gossip landete bei Sony Music. Das schien nach dem Erfolg des letzten Albums Standing In The Way Of Control bereits absehbar, nun, am 19.6., erscheint Music For Men, das vierte Gossip-Album - und verweigert gleich einmal seinen eigentlichen Star: Nicht Ditto ist auf dem Cover abgebildet, sondern Schlagzeugerin Hannah Blilie macht darauf einen auf lesbischen Elvis.

Produziert wurde Music For Men von Rick Rubin, der in den Diensten von Sony steht, also nicht "gewonnen werden konnte", wie das gerne herumposaunt wird. Der bekannte Produzent (Beastie Boys, Johnny Cash, Public Enemy ...) sah seine Aufgabe offenbar darin, das Trio mit ein wenig herkömmlicher Radiotauglichkeit auszustatten. Das bedeutet, dass er dem herzlich-roh rumpelnden Rhythm 'n' Blues, den Ditto mit ihrem Selbstverständnis als Punk entsprechend aufsexte und anpfefferte etwas von seiner charmanten Ruppigkeit genommen hat.

Schade, aber egal. Denn Gossip verfügt auch in den in Richtung braver Popsong gebeugten Stücken noch immer über genug Renitenzpotenzial, um ihre Dreiminüter über den üblichen, glattgebügelten Einheitsbrei zu erheben und mit dem Stinkefinger zu winken. Man hört nun also - dem Werdegang der Frontfrau entsprechend - die Hochglanzversion von Gossip.

Diese schweißelt immer noch beträchtlich unter den Armen, gefällt sich auf dem Dancefloor (Love Long Distance) ebenso wie im Punkschuppen (Spare Me From The Mold). Punk mit Bügelfalte, ja geht denn das? Mit einem außergewöhnlichen Charakter wie Ditto - ja. Man kann aber auch einfach Pop dazu sagen. (Karl Fluch/ DER STANDARD, Printausgabe, 19.6.2009)

 

 

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    Beth Ditto von Gossip

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