Reif für die Qualitäts-Insel

18. Juni 2009, 17:49
21 Postings

Muss die Diskussion um die Zukunft des ORF wirklich so provinziell geführt werden wie in Österreich? Nicht, wenn man sich Großbritannien und die BBC zum Vorbild nimmt - Von Reinhard Christl

Nach verlorener Bundestagswahl gab Franz Josef Strauß einst ein TV-Interview, das in Bayern mittlerweile legendär ist. Nicht, weil der CSU-Chef noch ein wenig unflätiger schimpfte und polterte als sonst. Sondern weil er stammelte und lallte. "Ziemlich angesäuselt" sei er gewesen, schrieb die Zeit euphemistisch. In München sprach man von fünf Maß Bier.

In anderen Ländern hätte ein derart vom Alkohol gezeichneter Parteichef zurücktreten müssen. In Bayern aber war nicht der Job von Strauß, sondern der des Interviewers in Gefahr. Der war zwar stocknüchtern, aber als Redakteur des Bayerischen Rundfunks in den Augen von Strauß eine Art Hofschreiber des 20. Jahrhunderts. So einer hat keine Fragen zu stellen, die der Landesherr nicht beantworten kann, besoffen oder nicht.

Warum diese fast dreißig Jahre alte Geschichte? Weil sie erstens zeigt, dass der Bayerische Rundfunk in den Achtzigerjahren ein erzreaktionärer Regierungssender war, der über die CSU des Franz Josef Strauß ähnlich devot berichtete wie Radio Vatikan über die Entourage des Papstes. Und weil sie zweitens deutlich macht, dass sich seither vieles geändert hat: Der Bayerische Rundfunk ist zwar noch immer kein Hort der Weltoffenheit und Liberalität. Aber es gibt dort heute zumindest ansatzweise Kritisches über die CSU, und es gibt Innovatives wie das Satiremagazin quer, die Jugendsendung Freiraum und die Migranten-Serie Türkisch für Anfänger.

Der ORF könnte sich also derzeit selbst vom einst tief provinziellen Bayerischen Rundfunk einiges abschauen.

Nicht nur der ORF. Auch der Medienpolitik und der seit einigen Monaten wogenden Debatte um die Zukunft des ORF täte ein Blick über die Grenzen gut. Die Fernsehsender stehen überall in Europa vor ähnlichen Problemen: Die öffentlich-rechtlichen leiden unter sinkenden Quoten und ihrer Abhängigkeit von der Politik, die privaten bieten zu viel Schund.l

Doch während diese Probleme in Österreich durch die geplante Novellierung des ORF-Gesetzes weiter verschlimmert werden, versuchen andere Länder sie zu lösen - sowohl durch gesetzliche Rahmenbedingungen als auch durch öffentliche Debatten über die Zukunft des Journalismus im Allgemeinen und des öffentlich-rechtlichen Fernsehens im Besonderen.

Hierzulande fokussiert sich die Diskussion weitgehend auf die Frage, welche Parteisekretäre künftig wie in den ORF hineinregieren können. Die beiden wirklich wichtigen Fragen werden kaum diskutiert: Wie der ORF fürs digitale und crossmediale Zeitalter gerüstet werden soll und wie unabhängiger Journalismus im und außerhalb des ORF in Zeiten schwindender Werbebudgets überleben kann.

Weit von internationalen Standards entfernt

Ein Blick nach Großbritannien zeigt, wie himmelweit Österreich von internationalen Standards entfernt ist. Dort wurde 2007 das Pendant zum ORF-Gesetz novelliert, die Royal Charter, der rechtliche Rahmen für die BBC. Und während im Medien-Entwicklungsland Österreich ein paar Ministerialbeamte in ein paar Wochen ein neues ORF-Gesetz zusammenschustern, nahmen sich die Briten drei Jahre Zeit. 5000 Menschen gaben Stellungnahmen ab, Privatpersonen, Verbände und Medienunternehmen. Mehrere wissenschaftliche Gutachten wurden eingeholt. Regierungsvertreter, Experten und Publikum diskutierten im Internet die Reform "ihrer" BBC.

Die aus all diesen Beiträgen entwickelte neue Royal Charter, die vor eineinhalb Jahren in Kraft trat, definiert gemeinsam mit anderen Regelungen den Auftrag der BBC für die nächsten zehn Jahre. Sie klärt, was öffentlich-rechtliches Fernsehen vom Privat-TV unterscheidet. Sie legt fest, dass die Rundfunkgebühren an die Inflationsentwicklung gekoppelt sind. Sie regelt, wie der BBC-Trust (das Pendant zum ORF-Stiftungsrat) und das Management gewählt werden und wie lange dessen Verträge laufen.

So ist es in der BBC undenkbar, dass der Generaldirektor einfach dadurch von seinem Posten entfernt wird, dass die Regierung ein neues Rundfunkgesetz beschließt. Dieser hierzulande übliche Winkeladvokatentrick war einst von Bruno Kreisky erfunden worden, um Gerd Bacher abzusetzen, und wurde von Wolfgang Schüssel kopiert, um Gerhard Weis durch Monika Lindner zu ersetzen. Und von der jetzigen Regierung wurde er (bisher erfolglos) versucht, um Alexander Wrabetz loszuwerden.

So etwas auch nur anzudenken wäre in Großbritannien völlig unmöglich, versichert etwa John Herbert, Journalismus-Professor und ehemaliger BBC-Journalist. Jeder Politiker, der solches verlangte, würde sein Ansehen ruinieren, endgültig und irreparabel.

Hierzulande hingegen regen derartige demokratiepolitische Ungeheuerlichkeit kaum jemanden auf. Wir sind nicht nur ein Medien-, sondern auch ein Demokratie-Entwicklungsland.

Utopien und Visionen

Dabei wäre alles ganz einfach, gerade weil wir (Entwicklungsland!) mit der Diskussion über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens relativ spät dran sind. Österreich könnte sich aus den Mediengesetzen Großbritanniens, Skandinaviens, (mit Einschränkungen) Frankreichs und anderer entwickelter Mediendemokratien die Elemente herauspicken, die sich am besten bewährt haben. Und daraus ein neues ORF-Gesetz und neue Gesetze für Privatsender und Printmedien machen, die besten und modernsten Europas.

Utopisch? Nicht durchsetzbar? Kann sein. Aber ohne Utopien und Visionen wird die Zukunft des Journalismus und des Fernsehens eine sehr, sehr traurige. Nicht nur, weil unsere Politiker nicht so unterhaltsam sind wie ein illuminierter Franz Josef Strauß. (Reinhard Christl, DER STANDARD; Printausgabe, 19.6.2009) 

Zur Person
Reinhard Christl leitet das Institut für Journalismus der FH Wien und das Forschungsprojekt "Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und des Qualitätsjournalismus".

Zum Thema
derStandard.at/Etat-Schwerpunkt zum ORF

  • Christl: Österreich ist ein TV-Entwicklungsland.
    foto: fh wien

    Christl: Österreich ist ein TV-Entwicklungsland.

Share if you care.