Forschung zur Konfliktentschärfung

18. Juni 2009, 16:35
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Tagung zur gemeinsamen Geschichte der islamischen und westlichen Welt in Wien

Wien - Angesichts der verbreiteten Missverständnisse zwischen der islamischen und westlichen Welt wollen Historiker nun mit ihrer Forschung zur Konfliktentschärfung beitragen. Beide Kulturräume hätten in der römischen Antike ihren gemeinsamen Anfang. Die Grundlagen dieser gemeinsamen Geschichte seien aber wenig erforscht. "Wir müssen viel mehr darüber wissen, um einen Beitrag zur Entschärfung gegenwärtiger Konflikte leisten zu können", so der Historiker und Wittgenstein-Preisträger, Walter Pohl, in einer Mitteilung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Noch bis Samstag (20.6.) tagen rund 40 internationale Experten zu diesem Thema in Wien.

Die gemeinsame Geschichte des islamischen und westlichen Kulturraums sei "von Konfrontationen und Vorurteilen, aber auch von Toleranz und Austausch" geprägt, so der Direktor des ÖAW-Instituts für Mittelalterforschung. Wenn man die gemeinsame Geschichte der islamischen und westlichen Welt "in ihrer Gesamtheit" erforsche, "können wir überkommenen Feindbildern die Grundlage entziehen", meinte Pohl. Nun gehe es darum, Forschungslücken zu schließen.

Falsche Wahrnehmungen

"Falsche westliche Wahrnehmungen des 'Orients', zwischen Verklärung und Verachtung, haben viel zu den Problemen in und mit dieser Region beigetragen. Heute drohen die gegenseitigen Missverständnisse zwischen der Mehrheitsbevölkerung und muslimischen Zuwanderern in Europa selbst zum Problem zu werden. Umso wichtiger ist es, die historischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten besser kennenzulernen", so der Leiter des Wittgenstein-Projekts "Ethnische Identitäten im frühmittelalterlichen Europa", das auch die Tagung veranstaltet.

Politik und Identität

Die politische Kultur im gesamten Mittelmeerraum sei in der römischen Antike einheitlich gewesen, hieß es. Ausgehend von dieser gemeinsamen politischen Grundlage seien vor eineinhalb Jahrtausenden in Europa "Völker zur Basis politischer Macht" geworden. Zugleich sei "die europäische Art und Weise" entstanden, Ethnizität als Grundlage politischer Macht zu sehen.

Im islamischen Kalifat, aber auch in Byzanz, entwickelten sich im selben Zeitraum imperiale Ordnungen auf religiöser Basis. "Bisher wurden diese unterschiedlichen Entwicklungen nicht vergleichend analysiert. Das Frühmittelalter im Westen wurde als Zeit der 'Völker im Werden' in letzter Zeit gut erforscht. Für die islamische Welt, aber auch für Byzanz, fehlen solche Untersuchungen bisher", so Pohl. Den Forschern stellt sich etwa die Frage, warum der politische Islam für viele Muslime heute so attraktiv ist. Die Untersuchung vergangener Identitäten könne dafür Erklärungen bieten. (APA)

Link
Institut für Mittelalterforschung: Ethnische Identitäten im frühmittelalterlichen Europa

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