Milchbauern sind wegen Kunstkäse sauer

18. Juni 2009, 17:50
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Auch heimische Molkereien bieten den so genannten Analogkäse an – Klare Kennzeichnung gefordert

Wien - Der Käse sieht aus wie bereits geriebener Emmentaler oder Gouda. Auf den Packungen stehen Bezeichnungen wie "Pizza-Mia" oder "Pizzamix" .

Aufschluss darüber, dass es sich nicht um Milchkäse handelt, gibt erst das Kleingedruckte: "Wasser, pflanzliches Fett, Milcheiweißerzeugnis, modifizierte Stärke, Käse, Trennmittelstärke ..." sind da aufgeführt. Der von der aufgebrachten Milchbauernschaft als "Kunstkäse" , "Gummikäse" oder "Analogkäse" bezeichnete Pizzabelag hat normalen, also aus Milch hergestellten Käse, bestenfalls in Spuren in sich. Rund 10.000 Tonnen von dem Erzeugnis werden in Österreich mittlerweile im Jahr verwendet; in Deutschland sind es geschätzte 100.000 Tonnen.

Milchbauern leiden

Das tut den Milchbauern, die sowieso unter einem historisch niedrigen Milchpreis zu leiden haben, weh. "Der Absatz ist eingebrochen" , klagt Josef Moosbrugger, Präsident der Landwirtschaftskammer Vorarlberg und Vorsitzender des Ausschusses für Milchwirtschaft. Anlässlich einer Pressekonferenz lädt er auch zu einer "Kunstkäse-Verkostung" .

Bei dieser Degustation wird schnell klar, dass der Kunstkäse bestenfalls heiß und in geschmolzenem Zustand genießbar ist. Das Produkt schmeckt fad, trocken, im Abgang ein bisschen nach Sägemehl.

Trotzdem gibt es einen wachsenden Markt dafür, was vor allem damit zu tun hat, dass der Kunstkäse - der seinen Fettgehalt in der Regel aus Pflanzenfetten wie Palmöl bezieht - billiger hergestellt werden kann als jeder andere (ebenfalls billige) Belagskäse, den die Lebensmittelindustrie für ihre Fertiggerichte verwendet.

Heimische Molkereien

Besonders pikant wird die Situation dadurch, dass der von den Milchbauern befehdete Kunstkäse durchaus auch aus heimischen Molkereien stammen kann. Moosbrugger meint zwar, dass in Österreich kein Kunstkäse hergestellt wird, doch ist nicht alles Importware. Der bei der Pressekonferenz verteilte Gummikäse etwa stammt von der Vorarlberger Firma Alma, die zur Käserei Rupp gehört. Auch deutsche Molkereien, deren Käse in Österreich zu kaufen sind, sind im Geschäft.

Es gelte, Käse als Naturprodukt aus Milch zu verankern, fordert Moosbrugger. Ohnehin sei die Situation für die kleinstrukturierte heimische Milchwirtschaft prekär. "Wenn man will, dass in den Berggebieten weiter Milchwirtschaft betrieben wird, muss die Politik handeln" , sagt er. Laut EU-Statistiken ist die typische österreichische Milchwirtschaft im Europa-Vergleich winzig. Kleiner noch als die ebenfalls kleinen finnischen Bauernhöfe, die wiederum zu den Höfen in Tschechien, Dänemark, England nur Zwerge sind. "Wegen der Alpen geht das nicht anders" , meint Moosbrugger. (ruz, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.6.2009)

 

 

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