Behörden beschuldigen indirekt die Geiseln

18. Juni 2009, 13:56
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Regierungsnahe Zeitung: Hätten über Ausflug informieren sollen - Seien in Rebellengebiet gefahren

Sanaa/Algier/Osnabrück - Die Behörden im Jemen haben sechs Tage nach Beginn eines blutigen Geiseldramas mit drei bestätigten Toten den ausländischen Entführungsopfern Unvorsichtigkeit vorgeworfen. Die dem Verteidigungsministerium nahestehende Zeitung "26. September" schrieb am Donnerstag, die sieben Deutschen, die Koreanerin und der Brite hätten vor ihrem Ausflug am vergangenen Freitag die Direktion des Jumhuri-Krankenhauses in der Stadt Saada, wo sie beschäftigt waren, informieren müssen.

Das Blatt berichtete außerdem unter Berufung auf einen Lokalpolitiker, der Geländewagen der Entführer sei in einem Gebiet gesichtet worden, das von den Rebellen des Schiiten-Führers Abdulmalik al-Houthi kontrolliert werde. Die Houthi-Bewegung hatte zuvor jede Beteiligung an dem Verbrechen abgestritten und erklärt, sie wolle sich selbst an der Suche nach den Geiseln und ihren Entführern beteiligen. 

"Yemen Times" berichtet über Einzelheiten

Die im Jemen vermissten deutschen Geiseln sollen noch während des Überfalls durch die Entführer per Handy einen verzweifelten Hilferuf abgesetzt haben. Das berichtete die Zeitung "Yemen Times" am Donnerstag unter Berufung auf einen Informanten in der Provinz Saada. Dort waren die sieben Deutschen zusammen mit einer Koreanerin und einem Briten am Freitag vergangener Woche verschleppt worden.

Den Angaben der "Yemen Times" zufolge riefen die Gekidnappen eine jemenitische Krankenschwester in Saada an, die danach sofort die lokalen Behörden und die Anführer der schiitischen Houthi-Rebellen, die jeweils Teile der Provinz kontrollieren, informiert haben soll. Die Krankenschwester, die zusammen mit den Deutschen im Jumhuri-Krankenhaus arbeitete, soll berichtet haben, die Deutschen hätten ihr gesagt, sie würden von den Fremden "drangsaliert". Laut dem Bericht wurde die Gruppe während eines Ausflugs zu einem Bauernhof in der Ortschaft Gharas von drei bewaffneten bärtigen Männern überfallen, die ihnen mit ihrem Geländewagen den Weg versperrten.

Die beiden deutschen Pflegehelferinnen und die südkoreanische Lehrerin wurden von den Entführern wohl schon kurz nach dem telefonischen Hilferuf erschossen. Ein jemenitischer Arzt, der die Leichen gesehen hat, sagte der Zeitung, die Frauen, die am Montag tot in einem Flusstal gefunden wurden, seien bereits drei Tage zuvor erschossen worden. Der Arzt widersprach Medienberichten, wonach die Frauen von den Mördern verstümmelt worden sein sollen. Sie seien mit mehreren Schüssen getötet worden - möglicherweise als sie zu fliehen versuchten. Bei den übrigen Deutschen handelt es sich um die Familien rund um einen Arzt mit drei Kindern; der vermisste Brite ist Ingenieur.

Die Entführer sollen nach Informationen des Blattes aus dem Umfeld lokaler wahhabitischer Extremistengruppen stammen. Der Wahhabismus ist eine puritanische Version des sunnitischen Islam, der im benachbarten Saudi-Arabien Staatsreligion ist. Einige Wahhabiten-Gruppen sollen sich in den vergangenen Jahren - teils aus finanziellem Interesse, teils aus religiöser Überzeugung - dem Kampf gegen die schiitischen Anhänger von Rebellenführer Abdulmalik al-Houthi in Saada angeschlossen haben.

Proteste gegen Entführung

Regierungstreue Jemeniten hatten am Mittwoch eine Demonstration organisiert, um gegen die Entführung und Ermordung der Helfer zu protestieren. Dabei hatten sie unter anderem Bilder der fünfköpfigen Familie aus Sachsen hochgehalten, die sich zusammen mit dem Briten noch in der Gewalt der Entführer befinden soll.

Der Präsident des EU-Parlaments, Hans-Gert Pöttering, hat an die Entführer appelliert, die sechs noch vermissten Europäer sofort freizulassen. "Sie tun Menschen unfassbares Leid an, die als Freunde des Jemen in Ihr Land gekommen sind", wandte sich der CDU-Politiker in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Donnerstag-Ausgabe) an die Entführer.

Der Anti-Terror-Koordinator der EU, de Kerchove, warnte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters, der Jemen drohe zu einem sicheren Rückzugsgebiet für islamistische Gewalttäter zu werden. Er habe empfohlen, das Land ebenso wie Pakistan und die Nordsahara-Region auf die Liste der Regionen zu setzen, von denen Gefahren für die europäische Sicherheit ausgingen, sagte de Kerchove: "Das Land braucht wirklich Hilfe." (APA/dpa/Reuters/AP)

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