"Was die Leute aus jedem Fenster sehen, können Medien nicht verschweigen"

18. Juni 2009, 14:07
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Autorin Nasrin Alavi über die Reaktionen auf das unerwartete Wahlergebnis, die Berichterstattung im Iran und die Hoffnungen der Protestierenden

Die Iranerin Nasrin Alavi zeigte in ihrem Buch "Wir sind der Iran" 2005 eine damals noch wenig beachtete Seite des Golfstaats: in Weblogs konnten sich junge Iraner noch relativ unzensiert ihre Meinung über die Regierung verbreiten, bis das Regime durchgriff und als erstes Land der Welt einen Blogger für seine Texte einsperrte. Im Gespräch mit Berthold Eder berichtet sie über die Erwartungen der Demonstranten, die Berichterstattung in iranischen Medien und vergleicht "Twitter"-Meldungen mit Flaschenpost.

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derStandard.at: Werden sich die Demonstrierenden mit der teilweisen Neuauszählung, die der Wächterrat zugesagt hat, zufrieden geben?

Nasrin Alavi: Nein. Ich habe von verschiedenen Seiten gehört, dass die Leute auf Neuwahlen bestehen.

derStandard.at: Seit kurzem berichtet der iranische Sender Press TV über die Proteste. Was steckt dahinter?

Nasrin Alavi: Press TV musste berichten, weil sie sich als professioneller Nachrichtensender bezeichnen (die Station wurde als "Persisches CNN" präsentiert, Anm.) und es schon lächerlich war, dass alle internationalen Medien mit den Meldungen aus dem Iran aufmachen und dort nichts zu sehen war. Die staatlichen Medien waren gezwungen, über die Proteste zu berichten, weil man etwas, das die Leute aus jedem Fenster sehen, nicht verschweigen kann.

derStandard.at: Unter dem "Twitter"-Suchbegriff IranElection finden sich seit Samstag tausende Einträge, darunter aber auch Falschinfos wie "die heutige Demo ist abgesagt". Was halten Sie davon?

Nasrin Alavi: Durcheinander und Gerüchte sind in so einer Situation normal. Aber es war ein "Twitter"-Eintrag von Karroubis Vizekandidat Gholamhossein Karbaschim, der als erster auf ein unerwartetes Wahlergebnis hinwies: "Wir sind alle schockiert, was geschieht, ist unglaublich" schrieb er am Samstagmorgen. Für mich sind "Twitter"-Einträge wie "Amir-Abad-Straße – Studentenheime der Uni Teheran sind jetzt Kriegsgebiet" wie ein Zettel, den man in eine Flasche steckt und in die Wellen des Internets wirft.

derStandard.at: Eines der Gerüchte ist, dass sich die Armee geweigert hat, auf Demonstrierende zu schießen …

Nasrin Alavi: … das ist durchaus vorstellbar.

derStandard.at: 2005 erhielt Ahmadi-Nejad 17 Millionen Stimmen, jetzt sollen es über 24 Millionen sein. Halten Sie das für möglich?

Nasrin Alavi: Die offiziellen Zahlen vermitteln ein höchst ungewöhnliches Wahlergebnis. Sie passen überhaupt nicht zu den normalen Stadt/Land-Mustern, die bisher immer zu beobachten waren. Auch sollen die Wähler diesmal überhaupt nicht anhand ethnischer Kriterien ihre Stimmen vergeben haben. Ein Beispiel: bei der Präsidentenwahl 2005 erhielt Mohsen Mehr'Alizadeh die wenigsten Stimmen – aber in seiner Heimatprovinz Aserbeidschan gewann er trotzdem mit über einer Million Stimmen.

Diesmal soll Ahmadi-Nejad in ganz Aserbeidschan 63 Prozent erreicht haben, sogar in den Heimatstädten seiner Gegenkandidaten. Es sieht aus, als ob jemand einen Strich quer über das Land gezogen hätte, und das hinterlässt einen sehr seltsamen Eindruck. Dass der andere Reformkandidat, Mehdi Karroubi, nur 333.635 Stimmen erreicht haben soll, passt überhaupt nicht zu seinem Abschneiden bei der Wahl im Jahr 2005, wo er mit 5.066.316 Stimmen nur knapp hinter Ahmadi-Nejads 5.710.354 lag. Karroubi soll diesmal weniger Stimmen als registrierte Wahlkampfmitarbeiter haben! Sogar der konservative Kandidat Mohsen Rezaei hat Beschwerde über das Wahlergebnis eingelegt.

derStandard.at: Bei den Parlamentswahlen 1996 und 2000 stimmten über 70 Prozent der Wählerschaft für Kandidaten, die demokratische Reformen versprachen. Reformkandidat Mohammad Khatami gewann die Präsidentenwahl 1997 mit großem Vorsprung, doch die Erwartungen der Wählerschaft blieben unerfüllt: 2004 schloss der Wächterrat 2.000 Kandidaten aus. Kann das iranische System Ihrer Meinung nach durch Wahlen verändert werden?

Nasrin Alavi: Wenn der Reformbewegung durch die Proteste ein Erfolg gelingt, wäre das ein großer Erfolg und würde die Spielregeln neu definieren: es könnte gelingen, viele der Hindernisse, die während Khatamis Amtszeit Veränderungen verhinderten, zu beseitigen. (derStandard.at/18.6.2009)

Zur Person: Nasrin Alavi wurde im Iran geboren, studierte in Großbritannien und den USA und ging dann in der Iran zurück, um für eine NGO in Teheran zu arbeiten.

Links

Bundeszentrale für politische Bildung: "Wir geben der Unterdrückung nicht nach" – von Nasrin Alavi

Bundeszentrale für politische Bildung: "Der hohe Preis der Freiheit" – von Nasrin Alavi

New Humanist: Before the dawn – von Nasrin Alavi

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