Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Claudio Magris

18. Juni 2009, 12:57
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Italienischer Schriftsteller für Behandlung des Zusammenwirkens verschiedener Kulturen gewürdigt

Frankfurt/Berlin - Der italienische Schriftsteller Claudio Magris erhält in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, gab der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Donnerstag zum Auftakt der Buchtage in Berlin bekannt. Wie kaum ein anderer habe sich der 70-Jährige mit den Problemen des Zusammenlebens und Zusammenwirkens verschiedener Kulturen beschäftigt, begründete der Stiftungsrat seine Wahl.

Magris war nach eigenem Bekunden von der Auszeichnung völlig überrascht. "Der Friedenspreis ist für mich immer ein bisschen ein Mythos gewesen", sagte Magris in einem Interview, das die online-Ausgabe des "Börsenblatts des Deutschen Buchhandels" am Donnerstag veröffentlichte. Ein solch großer Preis zwinge, Bilanz zu ziehen. "Und diese Bilanz zeigt immer ein Defizit, von dem man hofft, dass die anderen es nicht bemerken." Eigentlich sei der Preis mit anderen zu teilen. "Was wir erreichen, das verdanken wir nie nur uns selbst, sondern vielen anderen, ohne sie hätten wir Wichtiges nicht gesehen, nicht verstanden, nicht gefühlt", sagte Magris.

Der Autor, der mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur 2005 ausgezeichnet wurde, ist für Glückwünsche nicht erreichbar. Er mache derzeit Urlaub auf einer Insel und habe dort keinen Handy-Empfang, sagte eine Sprecherin des Börsenvereins. Seine Rede zur Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche im Oktober werde er in diesen Tagen am Meer schreiben.

Magris wurde am 10. April 1939 in Triest geboren und studierte unter anderem in Freiburg. Er gilt als einer der wichtigsten italienischen Germanisten und als brillanter Kulturpublizist. Neben wissenschaftlichen Arbeiten und politischen Essays veröffentlichte er Erzählungen und Kurzgeschichten. Seit Jahren gehört der Autor zu den Favoriten für den Literaturnobelpreis. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen seine seine Doktorarbeit "Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur" und "Donau. Biographie eines Flusses". Im Februar erschien im Carl Hanser Verlag Magris jüngstes Buch "Ein Nilpferd in Lund. Reisebilder".

Mitteleuropas Systeme

Magris erzähle in zahlreichen Werken von der Vielfalt der Systeme und Sprachen Mitteleuropas, von Eigentümlichkeiten und Gegensätzen, heißt es in der Begründung des Stiftungsrats. "Erzählendes und Reflektierendes, Faktisches und Fiktionales verbindet Claudio Magris in seiner ganz eigenen literarischen Weise." Er hebe dabei hervor, wie kreativ die Verschiedenheit sein könne, wenn sie denn in ihrer Eigenart geachtet und beachtet werde. Er sei ein streitbarer Gegner von Ausgrenzung und kulturellem Dominanzdenken.

Der seit 1950 vergebene Friedenspreis gehört zu den bedeutendsten Auszeichnungen in Deutschland. Mit dem Kulturpreis wird eine Persönlichkeit aus dem In- oder Ausland geehrt, die vor allem auf den Gebieten Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert und wird traditionell zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse im Oktober in der Paulskirche überreicht.

Im vergangenen Jahr war der Maler und Bildhauer Anselm Kiefer ausgezeichnet worden, im Jahr zuvor der jüdische Historiker Saul Friedländer. Zu den bisherigen Preisträgern gehören außerdem der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk (2005), Jürgen Habermas (2001), Martin Walser (1998), Vaclav Havel (1989), Siegfried Lenz (1988), Astrid Lindgren (1978), Hermann Hesse (1955) und Albert Schweitzer (1951). (APA/dpa)

 

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    Claudio Magris im Mai bei der Turiner Buchmesse

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