"Wir verlieren mit Lord Ralf Dahrendorf einen liberalen Weltbürger"

18. Juni 2009, 12:46
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Würdigung der politischen und wissenschaftlichen Verdienste Dahrendorfs

Freiburg - Der deutsch-britische Soziologe und Politiker Lord Ralf Dahrendorf ist nach schwerer Krankheit 80-jährig gestorben. In ersten Reaktionen wurden die politischen und wissenschaftlichen Verdienste Dahrendorfs gewürdigt. Mit ihm haben "die deutschen und die europäischen Liberalen einen der bedeutendsten Soziologen unserer Zeit verloren, dessen unerschütterliche freiheitliche Geisteshaltung ihm überragende Anerkennung gebracht hat", betonte der FDP-Partei- und Fraktionsvorsitzende Guido Westerwelle. "Wir verlieren mit Lord Ralf Dahrendorf einen liberalen Weltbürger und einen der ganz großen Intellektuellen Europas."

Die London School of Economics (LSE) betonte den "einzigartigen" Beitrag des Soziologen und ehemaligen Direktors der renommierten britischen Universität. Dahrendorfs Beitrag als Direktor und Historiker für die Schule sei "ohne Konkurrenz" gewesen. Jeder hätte sich auch für die Zukunft "mehr seiner Weisheit und Erkenntnis" erhofft, sagte Howard Davies, Direktor der LSE. Dahrendorf hatte die LSE bis 1984 zehn Jahre lang geleitet.

Biografie

Der am 1. Mai 1929 in Hamburg geborene Soziologe galt als einer der wichtigsten Vertreter einer liberalen Gesellschafts- und Staatstheorie. Nach wissenschaftlicher Laufbahn und Habilitation (1957) an der Universität Saarbrücken forschte er zunächst in seiner Geburtsstadt Hamburg. Später gehörte er zu den Mitbegründern der Universität Konstanz. 1988 siedelte der am 1. Mai 1929 geborene Dahrendorf nach England um, seitdem besaß er auch die britische Staatsbürgerschaft. 1993 ernannte ihn Königin Elisabeth II. zum Baron mit Sitz im Oberhaus. Mit dem "Ritterschlag" würdigte sie seinen Beitrag zu den deutsch-britischen Beziehungen. Mitglied des Oberhauses blieb Dahrendorf auf Lebenszeit.

Vor einigen Jahren war Dahrendorf nach Köln gezogen, weil er näher bei seiner Familie sein wollte. Er war war dreimal verheiratet. Aus der ersten Ehe mit einer Engländerin gingen drei Töchter hervor. 1980 heiratete er die Amerikanerin Ellen Joan Krug. Zuletzt war die Kölner Ärztin Christiane Klebs seine Frau.

Dahrendorf hatte mehrere wissenschaftliche und politische Ämter inne. Zum politischen Teil von Dahrendorfs Karriere gehörten in den sechziger und siebziger Jahren ein Posten im Bundesvorstand der FDP, das Amt des Parlamentarischen Staatssekretärs im Auswärtigen Amt und die Mitgliedschaft in der Kommission der Europäischen Gemeinschaft (EG) in Brüssel. Aus der FPD trat er später aus. Dahrendorf war viele Jahre Rektor der London School of Economics (1974-1984). Von 1987 bis 1997 leitete er das St. Antony's College in Oxford. Bis zuletzt hielt er eine Forschungsprofessur am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Ab 2005 hatte Ralf Dahrendorf eine Forschungsprofessur für "Soziale und politische Theorie" am Wissenschaftszentrum Berlin inne.

Auszeichnungen

Dahrendorf, der zahlreiche Auszeichnungen erhielt - unter ihnen das Große Bundesverdienstkreuz -, wurde 2007 mit dem Prinz-von-Asturien-Preis in der Sparte Sozialwissenschaften ausgezeichnet. Die Jury hatte seine Essays über Europa und die Wohlstandsgesellschaft gewürdigt. Zu Jahresbeginn hatte der Soziologe den Schader-Preis 2009 zugesprochen bekommen - eine Auszeichnung für WissenschaftlerInnen, die durch ihre Arbeit und öffentliches Wirken wichtige Beiträge für die Lösung gesellschaftlicher Probleme geleistet haben.

Publikationen

Zu den Publikationen Dahrendorfs in der jüngeren Vergangenheit gehören seine "Betrachtungen über die Revolution in Europa" (1990) und der als Summe seiner Sozialwissenschaft geltende Band "Der moderne soziale Konflikt" (dt.: 1992). Zu Beginn seiner Karriere sorgte er unter anderem mit seiner Habilitationsschrift "Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft" (1957) und "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland" (1965) für Aufsehen. (APA/dpa)

Links

Badische Zeitung: Lord Ralf Dahrendorf ist tot - Ein Nachruf von BZ-Chefredakteur Thomas Hauser

FAZ: Die Liebe zur Freiheit - Habermas über Dahrendorf

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Lord Ralf Dahrendorf auf einem Archivbild vom November 2004

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