Chronisch entzündliche Darm­erkrankungen auf dem Vormarsch

18. Juni 2009, 16:51
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In Österreich sind zwischen 50.000 und 80.000 Menschen betroffen - Herausforderung ist die Entwicklung einer Therapie der Krankheitsursache

Wien - "Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) betreffen Frauen und Männer gleichermaßen. Sie treten meist zwischen dem 2. und 3. Lebensjahrzehnt auf, es können auch Kinder oder ältere Menschen daran erkranken", erklärt Friedrich Renner, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH) in einer Aussendung. Die Krankheit bedeutet für die Betroffenen eine massive Einschränkung der Lebensqualität. So leiden rund 90 Prozent der CED-Patienten phasenweise bis lebenslang an Durchfall. Für 85 Prozent sind Bauchschmerzen wiederkehrende oder ständige Begleiter. CED werden ein zentrales Thema der 42. Jahrestagung der ÖGGH sein, die heute in Wien beginnt.

In Österreich leiden zwischen 50.000 und 80.000 Menschen an einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn. Auswertungen zeigen einen starken Anstieg um 270 Prozent der CED-Diagnosefälle in Österreich in den vergangenen 15 Jahren.

CED dominiert Leben von Patienten 

"Es werden häufig Freizeitaktivitäten reduziert, oft gehen die Betroffenen nur außer Haus, wenn sie wissen, dass sie rasch eine Toilette erreichen können - viele kennen die Städte zunächst nach der Erreichbarkeit öffentlich zugänglicher Toiletten", erklärt Renner die Situation von Betroffenen. Dies könne zu sozialem Rückzug und Depressionen führen. Oft komme es durch häufige Krankenstände zu Problemen am Arbeitsplatz bis hin zum Jobverlust.

Therapie: "Hit hard and early"

Moderne Behandlungsstrategien ermöglichen es zwar nicht, diese Erkrankungen zu heilen, aber zumindest so weit zu behandeln, dass die Betroffenen ein weitgehend symptomfreies, selbstbestimmtes Leben führen können. Renner: „So können etwa moderne Medikamente und insbesondere Biologicals durch zielgerichtete Neutralisierung von Entzündungs-auslösenden Botenstoffen eine akzeptable Lebensqualität herbeiführen, vielfach eine Dickdarm-Entfernung vermeiden und ein Leben ohne künstlichen Darmausgang ermöglichen."

Der frühzeitige Einsatz von wirksamen Therapieformen, nach dem Motto „Hit hard and early" könne das Ansprechen auf die Therapie und den Verlauf der Erkrankung wesentlich verbessern, betont Harry Fuchssteiner vom Krankenhaus der Elisabethinen Linz. Moderne Behandlungsstrategien bauen auf klaren diagnostischen und klinischen Fakten der Lokalisation und Ausdehnung der Erkrankung im Verdauungstrakt sowie der quantifizierten Krankheitsaktivität auf.

Krankheitsursache bekämpfen

Die größte Herausforderung sei die Entwicklung einer Therapie der Krankheitsursache, die bislang noch nicht existiere. "Weiters wäre eine maßgeschneiderte Therapie je nach individuell ermitteltem Risiko- und Prognose-Profil ein wesentlicher Schritt in eine individuell differenzierte Behandlung", so Fuchssteiner. „Das derzeitige medikamentöse Therapiekonzept bestehe im Wesentlichen in einer Hemmung einer überschüssigen Entzündung und deren Entzündungsbotenstoffe (durch ein verändertes Immunsystem des Darmes). Ein mehr regulierendes Eingreifen in das Immunsystem des Darmes, wie dies zum Beispiel bei der Hyposensibilisierung von Allergien erfolgt, wäre ein anderer therapeutischer Ansatz."

Unterstützung durch die Selbsthilfevereinigung

CED bewirken für die Menschen häufig auch psychosoziale Belastungen. Das „mit der Erkrankung Leben lernen" und individuelle Bewältigungsstrategien dafür zu entwickeln, könne durch Selbsthilfegruppen und psychologische Betreuung wesentlich unterstützt werden und sollte Teil eines modernen Behandlungskonzeptes sein, betont Fuchssteiner. (red, derStandard.at)

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    Oft gehen Betroffene nur außer Haus, wenn sie wissen, dass sie rasch eine Toilette erreichen können - viele kennen die Städte zunächst nach der Erreichbarkeit öffentlich zugänglicher Toiletten

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