Glückwunsch, Ahmadi-Nejad!

17. Juni 2009, 20:34
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Jürgen Elsässer über den Streit um das das Wahlergebnis

Man kann die Sache aber auch so sehen - kann man?: Jürgen Elsässer, Ex-"Konkret"-Autor und Enfant terrible der deutschen Linken, führt in einem Eintrag auf seiner Website vor, wie problemlos sich fundamentale Kapitalismuskritik mit religiösem Fundamentalismus paaren lässt:

Eine schöne Schlappe für den Imperialismus im Iran! Schon die zweiten Wahlen dieses Jahr vergeigt. Zuerst in Moldawien, wo die Twitter- und Facebook-Revolution voll in Arsch ging. (Jetzt versucht man es dort mit der Spaltung der regierenden Kommunisten). Und jetzt Iran. Der Präsident hat klar gewonnen. Und die Leute, die dagegen demonstrieren, sind erkennbar eine kleine Minderheit: Die Jubelperser von USA und Nato. Hat jemand die Girlies gesehen, die da in bestem Englisch in die Mikrofone von CNN und BBC heulen? Das sollen die Repräsentanten des iranischen Volkes sein, oder auch nur der iranischen Opposition? Da lachen die Hühner im Capitol! Hier wollen Discomiezen, Teheraner Drogenjunkies und die Strichjungen des Finanzkapitals eine Party feiern. Gut, dass Ahmidenedschads Leute ein bisschen aufpassen und den einen oder anderen in einen Darkroom befördert haben.

Wie ich schon bezüglich Saddam in meinem Buch "Angriff der Heuschrecken" geschrieben habe: Was er regierte, war keine Demokratie, aber immerhin ein Staat. Oppositionelle und Dissidenten mussten seine Willkür fürchten, aber immerhin hatte die große Mehrheit der Bevölkerung Bildung, Infrastruktur, Krankenversorgung, Heizung, Müllabfuhr und alles, was einen Staat sonst noch ausmacht. Erst seit das Sternenbanner über Bagdad weht, muss dort jermann um sein Leben fürchten, weil jede Form von Sicherheit zusammengebrochen ist. - Das trifft auf Teheran genauso zu.

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Tags darauf vertieft der Autor seine Kritik wie folgt:

Es geht nicht um Islam oder sonst eine Religion. Es geht um die Herrschaft des totalen Marktes, der mit Hilfe dieser Sturmabteilunge weltweit durchgesetzt werden soll. Alle Traditionen, die nicht dazupassen, müssen ausgelöscht werden. Und alle Menschen, die diese Traditionen leben wollen? "Go back to the zoo!", wie einer der gegelten Yuppie-Demonstranten den Religiösen zurief. "Zurück in den Zoo!"

Das droht der großen Mehrheit im Iran, wenn die sogenannte Opposition sich durchsetzt. Die darf dann endlich in Teheran eine Love Parade feiern, ganz ohne Schleier, ganz ohne die Zoo-"Tiere". (DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2009)

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