Geht den Ayatollahs die Luft aus?

17. Juni 2009, 20:28

Der oberste geistliche Führer des Iran steht vor einem selbstverschuldeten politischen Scherbenhaufen. Die überhastete Bestätigung des Wahlergebnisses könnte sein letzter Irrtum gewesen sein.

Ein Spezifikum der iranischen Gesellschaft ist die rasante Entwicklung von Ereignissen, die schlagartig eintreten. So hat 1978/79 niemand auch nur im Traum einige Monate vorher den Sturz der Monarchie erahnen können. In Teheran wird nun im Kreis des Establishments nervös darüber beraten, wie man eine völlig unnötig selbst heraufbeschworene Krise meistern kann.

Es sieht so aus, dass die beiden "unterlegenen" Reformkandidaten Mussavi und der Geistliche Karubi keineswegs von ihrer Forderung, der Annullierung der Wahl, abweichen wollen. Die beiden als Saubermänner geltenden Reformer sind gestandene Politiker der ersten Stunde der Islamischen Republik. Zumindest bis jetzt haben sie sich durch Mut und Unnachgiebigkeit ausgezeichnet. Das hatten sich viele Iraner vor allem vom Ex-Reformpräsidenten Mohammad Khatami gewünscht.

Nun steht Ayatollah Khamenei vor einem selbst verschuldeten Scherbenhaufen. Kommt es zur Annullierung und einer Wiederholung der Wahlen, ist der überwältigende Sieg Mussavis so gut wie sicher. Irans Präsident hat verfassungsrechtlich keine entscheidenden Kompetenzen, die stattdessen beim Religionsführer liegen. Doch unter den nun geschaffenen Rahmenbedingungen wird Khamenei, der stark an Legitimität stark eingebüßt hat, mit einem entschlossenen, populären und moralisch sehr starken Präsidenten konfrontiert sein. Mussavis Spielraum für die Realisierung seines demokratischen Wahlprogramms wird erheblich größer. Dabei hat es noch am vergangenen Freitag nicht danach ausgesehen.

Mussavi genießt zusätzlich zur Unterstützung hochrangiger populärer Politiker des Landes auch den Beistand von etlichen anerkannten großen Ayatollahs, die sich nun zuhauf zu Wort melden. Das ist mithin ein "Verdienst" Ahmadi-Nejads, der in seinem Wahlkampf mit der öffentlichen Diffamierung gegnerischer Geistlicher wie Rafsandschani und den traditionell-konservativen Ayatollah Ali-Akbar Nateq Nuri samt Familie eine "rote Linie" überschritt.

Ein Enthüllungsbrief einiger Beamter des Innenministeriums, die kurzfristig als Mitglieder der Wahlkommission ausgetauscht wurden, enthüllt die Dramatik des Vorganges, was die Wähler zusätzlich in Rage brachte. Demnach soll der Ultrakonservative Ayatollah Mesbah-Yazdi, der wichtigste Mentor Ahmadi-Nejads, im Führungszirkel des Innenministeriums gesagt haben, dass Betrug und Fälschung des Ergebnisses bei den Wahlen sogar Pflicht seien, um einen dem Westen freundlichen Kandidaten am Wahlgewinn zu hindern.

Es sieht so aus, als ob das Regime den Weg der Niederschlagung des Protestes nicht aus den Augen verloren hat. Die Zahl der Toten steigt und vom Schicksal zahlreicher verhafteter prominenter Reformpolitiker weiß niemand. Sie werden anscheinend an geheimen Orten gefangen gehalten. Der beliebte junge Geistliche Mohammad Ali Abtahi, ehemaliger Stellvertreter Khatamis wurde ebenfalls am Dienstag verhaftet. Dabei wird vor unlauteren Mitteln nicht zurückgeschreckt. Die Frau des Vorsitzenden des "Absolventenzweigs des Büros zur Festigung der Einheit", Dr. Ahmad Zaidabadi, teilte mit, die Sicherheitskräfte hätten als Postboten geklingelt und ihren Mann mitgenommen. Derweil hat Ayatollah Khamenei mit der Anordnung einer Überprüfung der Stimmauszählung zurückgerudert. Es könnte zu spät sein. Wenn Mussaviund Karubi die Straße nicht unter Kontrolle bekommen, könnten sich die Forderungen der Demonstranten radikalisieren.

Die religiös-ideologisch motivierte Kommandeure und die mittleren Ränge der Sepah haben viel zu verlieren, und bis die Mannschaften überzeugt werden können, von einem sinnlosen Blutvergießen abzusehen, kann es viel Opfer geben.

Vorhersagen über die Politik im Iran waren immer schwierig. Vieles hängt von der Entschlossenheit der führenden Reformpolitiker ab. Mussavi hat schon einmal während des Iran-Irak-Krieges (1980-88) sein kompetentes Management des Staates und der Gesellschaft unter Beweis gestellt. Würden Karubi, Khatami und alle andere prominenten Reformer samt ihren Anhängern mitziehen? Die beiden haben derweil die erneute Stimmenauszählung abgelehnt und insistieren auf der Annullierung der Wahl.

Rafsandschanis Rolle dürfte auch nicht unterschätzt werden. Wenn es nachgewiesen wird, dass sich Ayatollah Khamenei wissentlich gegen das Votum des Volkes gestellt hat, hat er seine Kompetenz als Religionsführer überschritten. Der Expertenrat, der für Wahl- und Abwahl des Religionsführers zuständig ist, könnte tätig werden. Ihm steht der gewiefte Rafsandschani vor. Noch hält er sich auffällig zurück. Die Konfrontation mit dem Religionsführer und Ahmadi-Nejad, die die mächtigen Revolutionswächter und Basidsch-Miliz auf ihrer Seite haben, könnte ihn und auch andere selbst physisch gefährden. Das wird auch dann eintreten, wenn das Regime erfolgreich die Krise in den Griff bekommen könnte. Die Ära Ahmadi-Nejad nähert sich dem Ende. Der Iran darf jedoch jenseits der inneren Krise seine Außengrenzen nicht außer Acht lassen ). Benjamin Netanjahu hat immer die Lösung des Palästinakonflikts mit dem Ende des iranischen Nuklearprogramms verknüpft. Sein jüngster Vorstoß hinsichtlich der Gründung eines palästinensischen Staates hat ihm, trotz seiner einseitig diktierten Bedingungen, sehr viele Pluspunkte beschert. Die Tumulte im Iran könnten die Gelegenheit sein, mit wenig Aufsehen die iranischen Atomanlagen zu zerstören.

Schon einmal hat ein Likud-Premier im Juni 1981 die Wirren des Iran-Irak-Krieges am Persischen Golf genutzt, um auf dem Höhepunkt des Krieges die irakische Nuklearanlage in Osirak zu zerstören. Auch damals, im Zeitalter des Kalten Krieges, war der Angriff nicht risikolos. Mit einer Obama-Administration würde solches Abenteurertum schwierig, Möglich ist es dennoch. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2009)

Behrouz Khosrozadeh, (Jg.1959), gebürtiger Iraner, ist Publizist und Politologe, lebt seit 1985 in Deutschland und lehrt an der Universität Göttingen.

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Posting 1 bis 25 von 43
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Mo Ra
 
00
29.6.2009, 07:31

Klerikalfaschistische Diktatur versucht Demokratie vorzugaukeln und veranstaltet eine Wahl für ein Amt, das über keinerlei Befugnisse von Bedeutung verfügt und selbst diese Farce wird verbockt, weil die Menschen dann doch was ganz anderes wollen, als die Mullahs es sich in ihren feuchten Träumen vorgestellt haben.

http://barimo.blogspot.com/

Post-vom-Poster
 
00
26.6.2009, 10:02
selbstverschuldeten politischen Scherbenhaufen

hoffentlich das Ende von diesen machtgierigen Gottesslästerern!

Johann van der Smut
70
21.6.2009, 13:12

Tatsache ist die Wahlen waren gerecht, wenn sich die Minderheit damit nicht anfreunden kann und randaliert, hat sie die Konsequenzen zu tragen. Wie immer sind es die Studenten und andere Chaoten welche Recht und Ordung stören.

Perry Rhodan1
00
26.6.2009, 21:29

Du verbreites Falschinformation.

cato48
00
22.6.2009, 03:39
Tja, lieber Smut....

.... der Wächterrat hat bereits verlautbaren lassen, dass es zu unregelmässigkeiten bei der Wahl gekommen ist. Dein Posting ist also bereits nach einem Tag Makulatur ;-)

Pro Freistaat Kärnten!
 
00
21.6.2009, 22:09
woher hast du die information

dass deine behauptung tatsache ist?

Horstmueller
00
21.6.2009, 17:40

ich gehe stark davon aus hierbei handelt es sich um ironie.. ansonsten gute nacht

Blaubeer
02
21.6.2009, 14:36
Ob die Wahlen gerecht waren oder nicht kann man nicht sagen schaut aber eher nach Betrug aus.

Und mit Studenten und anderen Chaoten meinen sie wohl eigenständig denkende nicht authoritätshörige Menschen...oder?

lemur
01
18.6.2009, 18:51
Ahmadi-Nejad is wurscht

der wächterrat muss weg!

c42
00
22.6.2009, 13:40

Wurscht ist er nicht ganz, aber mehr Symptom als Ursache. Was mich allerdings bei Mousavi & Co sauer aufstoßen lässt, ist, dass ich nicht den Eindruck habe, dass diese "Reformer" für einen laizistischen Staat eintreten - bestenfalls für eine liberalere Theokratie (was sich sehr widersprüchlich anhört, ich weiß).

Benzino Napoloni
15
18.6.2009, 11:32
Ein wenig erinnert der Iran im Moment an die DDR kurz vor 1989:

Die Maßnahmen im Inneren kratzen wohl noch jemanden dort und viele haben schon erkannt, dass sie im verhassten Westen besser und freier leben können, inklusiver freiem Zugang zum Islam.

Ava Tar
41
18.6.2009, 10:05
"mit wenig Aufsehen"

das glauben Sie doch selbst nicht. Die Zeiten, in denen man "mit wenig Aufsehen" Blutbäder anrichten konnte, sind dank Internet & Kamerahandys vorbei. Das weiß inzwischen auch israel.

anders and
 
02
18.6.2009, 15:03
nicht in Schwarzafrika,

aber das fällt Ihnen nicht auf, da Sie nur auf die mit "I" beginnenden Staaten starren.

pirat2
 
00
21.6.2009, 00:16

Leider haben sie recht. Schwarzafrika ist noch ein blinder Fleck auf der Landkarte. Das sollten wir danach aber gleich ändern!

TheNepomuk
10
19.6.2009, 17:29

Irland, Indien, Indonesien, Island, Irland?

gidolf
03
21.6.2009, 11:52

Moment, du hast Irland vergessen.

Eleazar
00
18.6.2009, 09:34

Guter Insiderartikel.

Aber das mit der Zerstörung der Nuklearanlage wird es unter Obama sicher nicht spielen.

Warten wir mal ab, was der iranische Wächterrat beschliesst.

Ronald Regen
18
18.6.2009, 08:28

Sollte Israel jetzt die Atomanlagen zerstören, sind die Demonstrationen dank des Feindes von Außen zu Ende.

Der Iran würde dann mit Sicherheit weiterhin der fundamentalistische Staat bleiben, der er jetzt noch ist.

Netanjahu könnt es auch recht sein, wenn er weiterhin einen weltbekannten Scharfmacher als Gegner hat.

Georg Schütt
00
22.6.2009, 22:58
Unsinn.

Politik beschäftigt sich mit Zielen, mit der Durchsetzung von Interessen, nicht zuerst mit Taktiken.

Sie unterstellen, dass Netanjahu im Kern keine Interessen hat oder allenfalls solche, die seinem Land objektiv schaden; sie unterstellen ein bloßes taktisches interesse.

Das ist zumindest fragwürdig bei einem Mann wie Netanyahu, der als Elitesoldat seinem Land treu gedient hat.

Neues Österreich
06
18.6.2009, 07:50
Der Gottesstaat hat ausgedient, zwar

nicht von heute auf morgen, aber auf Sicht gesehen doch. Übrigens, alle Missionierer von den Zeugen Jehovas bis hin zu den Katholiken sollten bedenken, dass sie kein Recht haben Menschen in ihrem Glauben umzupolen.

Felix Meritis
10
18.6.2009, 15:33

Gilt das auch für die Moslems oder sind nur wieder wir die Bösen?

anton burger
33
18.6.2009, 15:14
sehr richtig

nur zu bedenken ist, dass diese theokraten sehr gerne die macht geniessen und daran haengen. Es waere sehr notwendig, noch ein wenig mitzuhelfen beim sturz, im Iran, in Israel und vorallem auch in Rom.
Sind die menschen mutig genug, es zu tun?

Lagom
00
19.6.2009, 04:24
interessanter standpunkt

sehr gut

Austro-Spanier0
00
18.6.2009, 19:23
Theokraten in Israel?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie noch nie dort waren, denn anders kann man diesen Schwachsinn nicht rechtfertigen.

Lagom
06
19.6.2009, 04:22
theokraten in Israel

Ich muss dem Burger zustimmen. Ich weiss ni cht ob er jemals in Israel war, ich wohne aber in Israel seit vielen jahren und habe die entwicklung von einen saekulaeren statt zu einem, wo die religioesen scharfmacher mehr und mehr einfluss haben, miterlebt. Religion ist eine plage fuer jede gesellschaft. Frueher war religion notwendig, um gewisse normen zu halten, heutzutage wird sie von machthungrigen personen als deckmantel fuer ihre ambitionen angewendet, im Iran, in katholischen kirche, bei Hindus und Sikhs und auch in Israel.

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