"Lernen kann man nicht erzwingen!"

17. Juni 2009, 19:42
3 Postings

Die Verbindung von darstellender Kunst und Unterricht steigert die Qualität der Schulausbildung signifikant: Airan Berg über das Großprojekt "I like to move it, move it!"

Linz - Graz ließ 2003 eine zu große Insel in die Mur plumpsen, und der Uhrturm hatte einen bedrohlichen Schatten. In Linz dreht derzeit ein Riesenrad seine Runden - am Dach eines Shoppingcenters als Blickfang für die auch architektonisch spektakuläre Schau Höhenrausch.

Airan Berg hingegen kann mit keinem Eyecatcher aufwarten. Sein Hauptprojekt (Budget: 1,8 Millionen Euro) ließ sich auch nicht medienwirksam vermarkten. Denn der Theaterchef des Kulturhauptstadtjahres lud lokale wie internationale Künstler ein, mit Schülern intensiv Theater zu machen. I like to move it, move it!, wie das Projekt hieß, sei aber eines der wichtigsten von Linz 09, ist Berg überzeugt: weil es nachhaltig ist.

"Als wir in die Schule gingen, wussten unsere Eltern so ungefähr, wie unsere Arbeitswelt ausschauen wird. Aufgrund der gegenwärtigen technologischen Revolution haben wir aber keine Ahnung über die Arbeitswelt in 20 Jahren", so Berg. "Dass heißt: Wir müssen den Schülern Tools geben, die sie in jedem Fall brauchen können. Selbstvertrauen zum Beispiel oder die Fähigkeit, kreativ mit Fragestellungen umzugehen. Oder auch die Fähigkeit zur Zusammenarbeit."

Auf die Idee kam er durch Zufall: "Ich war bei einem Festival in Holland. Beim Packen sah ich auf BBC eine Doku über einen Lehrer in Los Angeles. Er unterrichtet an der Hobart School, einer öffentlichen Schule in einer ziemlich gefährlichen Gegend, Neun- und Zehnjährige, die ein besseres Englisch als die meisten Amerikaner sprechen, weil er mit ihnen im Unterricht Shakespeare-Stücke spielt. Sie nennen sich die Hobart Shakespeareans, sind mittlerweile berühmt und sollten eigentlich bei uns in Linz spielen. Aber das ging nicht, weil viele der Kinder Migrationshintergrund und daher keine Papiere haben. Jedenfalls: Esquith hat ein fantastisches Buch geschrieben, Teach Like Your Hair Is On Fire. Seine Schüler waren die ersten, die es aus dieser Gegend auf Universitäten geschafft haben. Ich verpasste beinahe den Flug, weil ich die Doku unbedingt bis zum Schluss sehen wollte."

Logistische Herausforderung

Berg traf Esquith - und da wusste er, er musste die Chance des Kulturhauptstadtjahres nutzen. Er erzählte dem Kulturmanager Guido Reimitz von seiner Idee, und dieser empfahl ihm, sich im Internet einen bereits legendären Vortrag von Sir Ken Robinson über Bildung und Kreativität anzuschauen. Berg lud den Bildungsberater sogleich ein: Sir Ken Robinson sprach erst unlängst, am 25. Mai, in Linz.

Gemeinsam mit Reimitz, der die Initiative Pasi mitbegründete (siehe Artikel unten rechts), formulierte Berg das Konzept aus. Die Umsetzung zwischen Februar und Juni war eine logistische Herausforderung. Denn das Projekt wurde in ganz Oberösterreich angeboten - und knapp 100 Schulen nahmen teil. Alle Typen (Berufsschule, Gymnasium, HTL, Haupt- und Sonderschule) waren vertreten und auch alle Formen darstellender Kunst: Tanz, (Figuren-) Theater, Performance.

Die Vorgabe war, dass die Projekte kontinuierlich im Regelunterricht durchgeführt werden. "Die Künstler machten mit den Kindern sieben Wochen lang zweimal pro Woche Theater, in manchen Schulen gab es noch eine eigene Projektwoche." Nicht die Präsentation stand im Vordergrund, sondern der Prozess.

Natürlich hatten manche Zweifel: "Wir haben vor allem prozessorientierte Künstler eingeladen. Und die sagten am Anfang zu den Kindern: Ich weiß nicht, was dabei herauskommt." Und natürlich gab es auch Lehrer, die das Projekt ablehnten. Denn die Schüler würden wieder Stunden versäumen ... Was sie aber, meint Berg, nicht bedenken: "Dass die Schüler nach dem Projekt schneller lernen. Das sagt auch Sir Ken Robinson: Man kann Lernen nicht erzwingen. Lernen passiert in Schüben. Man kann nur Voraussetzungen schaffen."
Bewegung im Schulsystem

Und: "Wichtig ist es, Begabungen zu erkennen. Jedes Kind hat eine andere Begabung. Daher ist es nicht richtig, wenn jeder genau das Gleiche zur gleichen Zeit lernen muss. Sir Ken Robinson sagt: ,Wir alle reden über die Krise bei Global Resources. Aber wir haben eine Krise bei den Human Resources. Und die ist eine viel schwierigere. Wir verschwenden Human Resources, weil wir die jungen Menschen nicht richtig ausbilden.'"

Dass Denken mit Bewegung zu tun hat, das wissen wir alle, sagt Berg: "Wenn wir nicht denken können, drehen wir eine Runde - und schon wird der Kopf klarer. Das ist auch ein Zitat von Sir Ken Robinson: ,You have to move to think.'"

Der Titel I like to move it, move it!, von Jugendlichen ausgewählt, passte daher perfekt: "Wir haben wirklich Bewegung in ein System gebracht. Und sogar über die Schulen hinaus: Unter der Leitung von Hubert Lepka bewegte eine Schule einen ganzen Ort - samt Feuerwehrautos und Oldtimer-Traktoren. Oder: Paul Wenninger hat mit den Schülern und einem Schiff aus Styropor performative Geschichten auf der Straße gemacht."

Sylvia Rotter macht schon seit Jahren Theater mit Kindern (siehe Artikel links unten). Eine Studie stellte eine Erhöhung der Merkfähigkeit, eine Verminderung der Ablenkbarkeit etc. fest. Airan Bergs Erfahrungen sind ähnlich:

"Manche Schulen haben uns, wie wir im Nachhinein erfuhren, bewusst die schwierigsten Klassen gegeben. Es hat trotzdem funktioniert." Berg erzählt von einem plötzlichen Zusammenhalt, von Buben, die nicht mehr aggressiv sind, von schüchternen Mädchen, die aufblühten. "Und es passierte etwas, dass ich das ,Wunder von Weyer' nenne: In einer Hauptschule mit Sonderbetreuung gab es einen Buben, der seit Jahren alles verweigerte, nur unter Druck redete. Aber während der Arbeit mit Nurkan Erpulat, einem türkischen Künstler, fing er von sich aus zu sprechen an. Er hatte viel Text, und er brachte ihn mit viel Humor rüber. Nachher sagte er: ,So macht Schule wieder Spaß.'"

Berg hat noch ein Beispiel parat: "Der Tanzkünstler Alito Alessi arbeitete in zwei Sonderschulen mit schwerbehinderten Jugendlichen. Sie waren so glücklich. Und die Eltern haben gemerkt, dass ihre Kinder noch ganz andere Bewegungen in sich haben als die, die man ihnen gestattet. Jemand wollte ein Mädchen, das nicht stehen kann, aufheben. Aber Alito sagte: ,Lasst sie am Boden! Sie will selber tanzen!' Und dann hat sie getanzt. Das war einer der bewegendsten Momente, die ich erlebt habe." (Thomas Trenkler/DER STANDARD-Printausgabe, 18. Juni 2009)

Share if you care.