Politikabstinente Mullahs im Mullah-Staat

17. Juni 2009, 19:42
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Iranist Bert Fragner: Khomeinis System kam nicht bei allen schiitischen Theologen an

Mit "Mullah-Regime" meinen die westlichen Medien die brutale iranische Staatsmacht. Die Reformer zählen jedoch auf die Unterstützung einzelner Theologen. Der Iranist Bert Fragner erklärt Gudrun Harrer die Vielfalt.

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STANDARD: "Die Mullahs" ist besonders im Westen ein Synonym für das iranische System - viele Geistliche stehen aber gar nicht auf der Seite der Herrschenden im jetzigen Machtkampf. Wie kommt das?

Fragner: Das politische System speist sich aus bestimmten theologischen Grundsätzen, aber diese sind von den hohen Geistlichen zu allen Zeiten unterschiedlich und auch kontrovers beurteilt worden. Das Hauptproblem ist das Verhältnis von Personen mit hohem theologischem Rang zur Politik.

STANDARD: Das auch noch nach der Islamischen Revolution 1979 offen bleibt?

Fragner: Ja, 1979 ist mit Khomeini ein neuer Dreh hineingebracht, aber keine dogmatische Kiste geschlossen worden. Es ist eine relativ junge Entwicklung, dass sich die schiitischen Theologen den Kopf darüber zerbrechen, welches Zugriffsrecht in der Politik sie haben. Es gibt mehrere Richtungen von Theologen: eine, negativ gesagt, populistische, positiv gesagt, sozial bewegte Richtung, die sagt, dass sich die Ränge der Geistlichkeit definieren aus der Wertschätzung, die sie bei ihren Anhängern findet. Es hat aber immer auch Theologen gegeben die vom Staat eingesetzt waren, im Ansehen unter den unabhängigen angesiedelt. Theologen haben sich zwar als genaue Beobachter und Kritiker der Politik gesehen, nicht jedoch als Gestalter der Politik. Aber es hat Mullahs gegeben - spätestens greifbar mit dem Tabakaufstand (1891, gegen die Vergabe des Tabakmonopols an die Briten, Anm.) -, die in soziale Bewegungen hineingetreten sind und Massen aktivieren konnten. Daneben waren und sind aber durchaus auch Theologen da, die sich mit dem ganzen Problem Politik nicht beschäftigt haben.

STANDARD: Wie stark ist heute die Gruppe der politikabstinenten Mullahs im Iran?

Fragner: Wohl die Mehrheit der führenden iranischen Theologen bezieht diese Position - von der jedoch nicht erwünscht ist, dass sie zu laut formuliert wird. Sie sagen: "Unser Stand hat nichts in der Politik verloren, wir schauen die Politik von außen an, wir legen den Finger drauf." Denn wer in die Politik hineingeht, beraubt sich der Möglichkeit, sie von außen zu kritisieren. Das war der Punkt, weshalb Khomeini Schwierigkeiten hatte, sein Prinzip durchzusetzen: nicht bei den Säkularen, sondern den schiitischen Theologen gegenüber.

STANDARD: Aber auch unter den "politischen" Mullahs gibt es ja durchaus Meinungsverschiedenheiten.

Fragner: Das sind politische Unterschiede. Islamisch gedacht heißt nicht, dass ein bestimmtes Resultat zwingend ist, sondern dass das Resultat, das man haben will, hergeleitet werden kann. Ayatollah Montazeri (siehe unten) etwa hat kurz vor seiner Absetzung als Khomeinis Nachfolger zu Frauenrechten Stellung genommen und vorgeschlagen, die in der islamischen Überlieferung zeitbezogenen Dinge wegzulassen - dann ist auch das Kopftuch nicht mehr verbindlich. Ayatollah Mesbah-Yazdi hingegen argumentiert wieder sozusagen stalinistisch, er sagt, das Wichtigste sei der Erhalt der Macht im Staat, denn alles, was die Machterhaltung beeinträchtig führt zum Zusammenbruch, zum Schaden der Umma, der islamischen Gemeinde. Und das darf nicht sein.  (DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2009)

 

Zur Person

Bert Fragner (67) ist seit 2003 Direktor des neuen Institutes für Iranistik an der Akademie der Wissenschaften in Wien. In Österreich geboren, hat er fast seine gesamte Wissenschaftskarriere in Deutschland zugebracht, zuletzt ab 1989 als Iranistikprofessor an der Universität Bamberg.

  • Fragner: "Sie schauen die Politik von außen an".
    foto: matthias cremer

    Fragner: "Sie schauen die Politik von außen an".

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