Lasst sie alle reisen

17. Juni 2009, 19:32
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Um ihre Familien zu besuchen müssen Bosnier, Albaner und Kosovo-Albaner weiterhin vor den EU-Botschaften Schlange stehen - Von Adelheid Wölf

Die EU-Außenminister haben beschlossen "idealerweise" den Visumszwang für Mazedonien, Serbien und Montenegro bis Jahresende abzuschaffen. Das ist allerdings alles andere als ideal. Denn die Bosnier, Albaner und Kosovo-Albaner müssen damit weiterhin vor den EU-Botschaften Schlange stehen, um ihre Familien besuchen zu können. Diese Bürokratie kostet, die Einigung der EU-Außenminister zeugt aber vor allem von Ignoranz gegenüber der balkanischen Wirklichkeit.

In Bosnien haben bereits viele Kroaten kroatische Pässe, und die Serben werden sich serbische Pässe besorgen, sobald die Visumspflicht für Serbien fällt. Übrig bleiben also die Bosniaken und Minderheiten, die ohne "Mutterland" sind und also weiterhin nicht reisen können. Auf der Strecke bleibt aber auch der gemeinsame bosnische Staat, er wird nämlich durch diese EU-Politik karikiert.

Zudem verteilt Serbien nach wie vor Pässe an Kosovaren, die ja nach Belgrader Lesart weiterhin serbische Staatsbürger sind. EU-Staaten überlegen deshalb, die Kosovaren unter den Inhabern von serbischen Pässen herauszufiltern und an der Schengen-Außengrenze wieder zurückzuschicken. Die serbischen Pässe von Kosovaren sollen laut Experten an den Nummern zu erkennen sein. In der Praxis wäre so ein "Herausfiltern" der Kosovaren aber diskriminierend und würde den Menschenschmugglern dienen. Wer derzeit illegal über die grüne Grenze zwischen Serbien und Ungarn will, muss etwa 2000 Euro zahlen. Was ist daran gerecht, dass die einen dies "müssen", die anderen nicht? (Adelheid Wölf, DER STANDARD Printausgabe 18.6.2009)

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