"Der Bachelor für Medizin eröffnet neue Chancen"

23. Juni 2009, 10:48
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Gilbert Reibenegger, Vizerektor der Meduni Graz erklärt, wieso die neue Studienarchitektur "aufregende Studienangebote" für MedizinerInnen ermöglichen soll

Mit der Novelle der Uni-Gesetzes 2002 könnten sich auch die Studienbedingungen an den Medizinischen Universitäten gravierend verändern. Dann soll es nämlich möglich sein, das Bachelorstudium für Medizin anzubieten. Gilbert Reibnegger, Vizerektor an der Meduni-Graz, erklärt im derStandard.at-Interview, warum die Studienplätze für Medizin vorerst nicht aufgestockt werden können, spricht über "neue, interessante Berufsfelder" für MedizinstudentInnen und denkbare Veränderungen im Auswahlverfahren. Die Fragen stellte Katrin Burgstaller.

derStandard.at: Mit der Novellierung des Universitätsgesetzes 2002 wird es möglich sein, ein Bachelorstudium für Medizin anzubieten. Ist das begrüßenswert?

Reibnegger: Wir beobachten die Entwicklung sehr interessiert. In Deutschland ist dieses Thema schon länger am Tapet, in der Schweiz hat man das Bachelorstudium für Medizin bereits umgesetzt. Wir haben damit gerechnet, dass dies auch für Österreich kommen wird. Die medizinischen Universitäten kann man damit für ganz neue, aufregende Studienangebote öffnen, wenn man es klug angeht. Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, gemeinsam mit anderen Universitäten, etwa mit den Technischen Universitäten, neue, interessante Berufsfelder zu erschließen. Wir holen derzeit sehr stark Informationen aus anderen Ländern zum Thema ein. Unser Curriculum, das bereits jetzt schon sehr stark modular aufgebaut ist, kann relativ einfach zu einem Bachelorstudium umgebaut werden.

derStandard.at: Das Bachelorstudium kann man laut Gesetzesnovelle auch vierjährig anbieten. Welche Medizinbachelors wären denkbar?

Reibnegger: Andenken kann man auf jeden Fall Kombinationen aus gesundheitswissenschaftlichen Ausbildungen mit betriebswirtschaftlichen oder technischen Inhalten. Es gibt eine Reihe kreativer Kombinationen mit Beschäftigungsfähigkeit. Man muss jetzt allerdings einmal abwarten, wie der Gesetzestext genau aussehen wird und mit den anderen Universitäten darüber diskutieren. Der Bachelor für Medizin eröffnet mit Sicherheit neue Chancen.

derStandard.at: Sie müssten sich überlegen, ob die zukünftigen HumanmedizinerInnen gemeinsam mit den anderen Bachelors beginnen oder ob Sie für diese Gruppe ein eigenes Bachelaureatsstudium anbieten wollen.

Reibnegger: Genau das ist der Punkt. Wir haben mit dem Minister einmal kurz über das Thema gesprochen. Wir warten auf den Gesetzestext. Dann kann man überlegen, wie wir vorgehen. Hinzu kommt ja, dass es für Humanmedizin derzeit ein Auswahlverfahren vor dem Studium gibt. Theoretisch könnte man die Auswahl der Studierenden dann auch nach zwei Jahren im Bachelorstudium machen. Die Wege würden sich dann also erst nach zwei Jahren scheiden. Das ist zu diesem Zeitpunkt allerdings noch Kaffeesudleserei.

derStandard.at: Am 24. September 2008 wurde im Nationalrat eine Erhöhung der Medizinstudienplätze beschlossen. Die Medizinunis arbeiten aber jetzt schon an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Wird es im kommenden Wintersemester nun mehr Plätze geben?

Reibnegger: Was damals beschlossen wurde, ist für die Universitäten ein Unfug. Die Medizinischen Universitäten können nicht von 1.500 auf 2.400 Plätze aufstocken. Das ist unmöglich. Dann müssten wir zurück zum alten"Fernstudium". Wir setzen unsere große Hoffnung in das Regierungsprogramm. Darin steht, dass die Universitäten im Zuge der Leistungsverhandlungen die Medizinstudienplätze auf 2.000 bis zum Jahr 2015 erhöhen können. Das ist eine Kann-Bestimmung, die vom Ministerium auch budgetär abgefedert werden müsste. Die Universitäten haben für das kommende Studienjahr in Übereinkunft mit dem Ministerium vorerst überhaupt nichts geändert. Es werden wieder 1.500 Studienplätze angeboten. Eine moderate Erhöhung von österreichweit 200 Studienplätzen in den nächsten Jahren kann ich mir vorstellen.

derStandard.at: Hätten Sie denn für ein Bachelorstudium noch zusätzliche Kapazitäten?

Reibnegger: Ich kann mir vorstellen, dass wir den Kleingruppenunterricht erst nach zwei Jahren anbieten. So hätten wir wieder mehr Kapazitäten für Studienanfänger. Später, für die klinische Medizin, könnten wir allerdings nicht mehr Studierende aufnehmen als jetzt, sonst bräuchten wir ein neues Klinikum.

derStandard.at: In der Novelle soll auch geregelt werden, dass die Universitätsangestellten in einem Durchrechnungszeitraum von 26 Wochen, 70 Prozent ihres Arbeitspensums in der klinischen Versorgung und 30 Prozent in Forschung und Lehre bewältigen sollen. Ist das in der Realität umsetzbar?

Reibnegger: Derzeit liegt die Aufteilung bei 90 Prozent klinischer Tätigkeit, der Rest ist Forschung und Lehre. Für uns wäre die 70:30-Festschreibung extrem hilfreich. Dann könnten wir gegenüber den Krankenhausträgern unsere universitären Interessen stärker durchsetzen. Insbesondere die Forschung leidet unter den derzeitigen Bedingungen. Die Krankenhausträger, sprich die Länder, müssten dann ihrerseits mehr Personal für die Patientenversorgung zur Verfügung stellen. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 23. Juni 2009)

Zur Person

Gilbert Reibnegger, Jahrgang 1955, geboren in Lienz ist Vizerektor für Studium und Lehre der Medizinischen Universität in Graz. Er habilitierte sich 1988 für Medizinische Chemie.

 

  • "Theoretisch könnte man die Auswahl der Studierenden dann auch nach zwei Jahren im Bachelorstudium machen," sagt Gilbert Reibnegger, Vizerektor der Grazer Meduni.
    foto: uni graz

    "Theoretisch könnte man die Auswahl der Studierenden dann auch nach zwei Jahren im Bachelorstudium machen," sagt Gilbert Reibnegger, Vizerektor der Grazer Meduni.

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