Peter Sellars: "Shakespeares Sprache hat Amerika gemacht"

17. Juni 2009, 18:53
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Der US-Regisseur im Interview über die Besonderheiten von "Othello", Shakespeare, Wien und Obama

Mit seiner starbesetzten "Othello"-Inszenierung schloss Sellars die Wiener Festwochen 2009 ab. Mit dem Regisseur sprach Margarete Affenzeller.

Standard: Wie geht es Ihnen nach der "Othello"-Premiere?

Sellars: Shakespeare saugt mir das Blut aus den Adern. Ich hab in 20 Jahren nicht so gelitten! Othello fordert alles. Das Stück ist voll von Hoffnung, Idealismus, Zartheit, aber zugleich ist es so beängstigend, eigentlich unerträglich. Dieses schwüle Wetter passt dazu: Du und der Himmel, ihr könnt jeden Moment in Tränen ausbrechen. Shakespeare zu proben ist wie Dauerschwüle, immer kurz vor dem Breakdown.

Standard: Worin liegt der Unterschied zwischen der angelsächsischen Shakespeare-Tradition und der im deutschsprachigen Raum?

Sellars: Deutschsprachige Künstler müssen nicht mit Shakespeares Originaltext hadern! Ihr könnt mit Bildern arbeiten. Von den Deutschen bevorzuge ich übrigens die altmodischen Inszenierungen. Die britische Tradition mag ich gar nicht. Die Deklamationen sind bedeutungslos, so clever und intellektuell, aber ohne Gefühl. Der Körper beginnt hier (zeigt knapp unter den Hals). Es bleibt eine Illusion zu glauben, der Darsteller wüsste, was er gesagt hat, und der Zuseher verstünde, was er gehört hat. Die Bedeutung ist nicht klar, sie ist dunkel und fremd.

Standard: Und die amerikanische Tradition?

Sellars: In Amerika haben wir eine spezielle Form der öffentlichen Rede, die definitiv von Shakespeare geformt ist. Shakespeare war in jedem amerikanischen Jahrhundert der meistgespielte Dramatiker. Mein Großonkel war Briefträger in Ohio, er war manchmal ein bisschen geistesabwesend, hat vergessen, aus dem Bus auszusteigen. Er wuchs zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf einer Farm auf. Und er memorierte Shakespeares gesammelte Werke! Er hatte für jede Situation ein Zitat parat.

Standard: Er war also populär. Aber was ist der Link zu Amerika?

Sellars: Shakespeares Sprache war dafür entscheidend, dass Amerika Amerika wurde. Shakespeare klang wie schwarze Baptisten-Priester in Alabama and Georgia. Der Rhythmus der elisabethanischen Sprache wurde in den schwarzen Sklaven-Communities gehütet, wo keine Veränderung in der Sprache stattfand. Verbindungsglied war die King James Bible, die zu Shakespeares Lebzeiten übersetzt wurde; er hat diese metaphysische Sprache neu in den Stücken aufgespannt.

Standard: Für einen englischsprachigen Regisseur wie Sie ist die Herausforderung der Sprache enorm. Alle anderen können sich ihren eigenen Shakespeare zurechtmodeln. Unfair?

Sellars: Exakt! Das ist der Unterschied. Besonders schwer wiegt er in den späteren Stücken, wenn Shakespeare immer düsterer wird: Hamlet, Othello, Macbeth und King Lear. King Lear ist das bitterste Stück Theater, das je geschrieben wurde.

Standard: Sie haben in einem "King Lear"-Film von Jean-Luc Godard mitge- spielt ...

Sellars: Ja, King Lear ist ein großer Teil meines Lebens. Ich hab ihn mit 21 Jahren inszeniert. Und es war vielleicht das Tollste, was ich je gemacht habe. Für das Publikum war es allerdings schrecklich. Es dauerte viereinhalb Stunden, und die Leute haben sich die Programmhefte vors Gesicht gehalten. Später wollte Jean-Luc Godard King Lear machen und ich war sein Hospitant. Es ist kein guter Film geworden, aber ein großartiger! (lacht)

Standard: Ihre nächsten Projekte?

Sellars: Othello, Othello, Othello und dann Othello! Nächstes Jahr wird Toni Morrison ein Antwortstück schreiben. Es wird Desdemona heißen. Auch das werde ich inszenieren. Im Jahr darauf machen wir beides, und dann machen wir einen Film daraus und bringen ihn in die Schule. Es ist wichtig, diese Sprache weiterzuverhandeln und die Bilder zu diskutieren, die Politiker immer noch verwenden.

Standard: Sie haben gehofft, dass Obama Präsident wird. Was mögen Sie an ihm?

Sellars: Er ist so intelligent. Was für eine Erlösung! Er sagte, er würde der Präsident für jene werden, die ihn nicht gewählt haben. Ich warte jetzt darauf, dass er es für jene wird, die ihn gewählt haben.

Standard: War es leicht, Philip Seymour Hoffman zu kriegen?

Sellars: Wir kennen uns seit langem und haben bereits vor 15 Jahren den Kaufmann von Venedig gemeinsam gemacht. Phils Sprachvermögen ist enorm, und er ist in der Lage, diesen Jago als gequälte Gestalt zu verkörpern.

Standard: "Othello" entstand als Kooperation zwischen New York, Bochum und Wien. Bergen Kooperationen auch Risiken?

Sellars: Glaube nicht. Kaum etwas kann mehr ohne Kooperation produziert werden. Und ich will ja auch, dass diese Stücke überall gesehen werden.

Standard: Sie kennen Wien schon lange. Was hat sich verändert?

Sellars: Es gibt eine aufregende junge Generation hier. Die waren alle öfter in Mexiko als ich! Es gefällt mir, dass die Leute informiert sind. Ich möchte nicht in New York arbeiten, dort definiert sich alles über Erfolg und Geschäftigkeit.

Standard: Was wurde aus dem Projekt "Haus der Kulturen" auf der Donauplatte, in das Sie involviert waren?

Sellars: Keine Ahnung. Ich müsste mich mal informieren. Aber ich arbeite derzeit weiter mit den Architekturstudenten am Dachausbau des Integrationshauses. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.6.2009)

 

  • Regisseur Peter Sellars, mit seinem "Othello" zu Gast bei den Wiener Festwochen: "Die jungen Wiener waren alle öfter in Mexiko als ich!" Zur Person: Peter Sellars, geboren 1957 in Pittsburgh, ist seit den 1980ern weltweit ein Starregisseur und regelmäßig in Wien zu Gast. 2006 leitete er das Mozart-Festival "New Crowned Hope".
 
 
    foto: standard / corn

    Regisseur Peter Sellars, mit seinem "Othello" zu Gast bei den Wiener Festwochen: "Die jungen Wiener waren alle öfter in Mexiko als ich!"

    Zur Person:
    Peter Sellars, geboren 1957 in Pittsburgh, ist seit den 1980ern weltweit ein Starregisseur und regelmäßig in Wien zu Gast. 2006 leitete er das Mozart-Festival "New Crowned Hope".

     

     

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