Das ganze Leben und seine Veränderungen

17. Juni 2009, 18:42
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Die österreichischen Landesmuseen schauen zurück und positionieren sich neu

Wien - "Landesmuseen haben die nicht immer einfache Verpflichtung, für alles zuständig zu sein." Wolfgang Meighörner, Chef der Tiroler Landesmuseen, sprach für seine Kollegen, als er die Herausforderungen ihrer Häuser angesichts spezialisierter Blockbuster-Ausstellungen skizzierte.

Anlass war die Vorstellung des Buches Ein kulturelles Gedächtnis (Christian Brandstätter Verlag, € 29,90), zu dem die Direktoren aus fast allen Bundesländern und aus Südtirol ins Wien Museum gekommen waren. Indem sie die dokumentierte Vielfalt Revue passieren ließen, stellten sie zugleich die Frage nach den Wurzeln und den derzeitigen Möglichkeiten ihrer Häuser.

Die Sammeltätigkeit begann zumeist unter noch feudaler Obrigkeit - im steirischen Joanneum bereits 1811 -, doch der aufklärerische Anspruch schwang von Anfang an mit. Es ging und geht um Geschichte und Naturgeschichte, Archäologie und Technik, Speisen und Mode, um das Besondere einer Epoche und das Allgemeine einer Lebenswelt: "Das ganze Leben und seine Veränderungen", so Wien-Museum-Chef Wolfgang Kos, sind zu erfassen.

Zwar mit Augenmerk auf je konkrete Regionen. Doch das bedeutet, wie Karl-Markus Gauß in der Einleitung schreibt, keinen "Regionalismus (...), der mit sich und seinen schönen Dingen zufrieden ist". Vielmehr attestiert er den Landesmuseen das nötige Selbstbewusstsein, grenzübergreifend nach neuen Zusammenhängen zu suchen und sie auszustellen. Die Direktoren waren sich einig, dass ihre Häuser nicht nationalstaatlich oder nach Provinz geordnet zu arbeiten hätten, sondern als "Speicher in einem Europa der Regionen".

Museum des Jahres 2009

Allerdings sind die Landes- wie die Bundesmuseen bis vor kurzem eher verwaltet als gestaltet worden; sie dienten der Akkumulation des Erbes, nicht als Bühnen für Fragen kultureller Identität. Ihrem Selbstverständnis nach will eine neue Generation von Leitern das ändern. So betont Kos, dass es in den Landesmuseen zwar auch "Prunkstücke" gebe, die mit den großen Häusern mithalten können (bzw. in den Landeshauptstädten eh fast konkurrenzlos sind), dass aber die Frage wichtiger sei, "wer wir heute sind und welche Veränderungen gezeigt werden sollen".

Ein Indiz, dass Österreichs regionale Museen als innovative Vermittler wahrgenommen werden, ist der European Museum of the Year Award 2009 für das neue Salzburger Haus in der Neuen Residenz, von einer Jury des Europarats unter 70 Bewerbern ausgewählt.

Ob das ein Omen für die kommenden Jahre ist, dessen ist sich Joanneum-Chef Peter Pakesch nicht sicher. "Unsere Sorge ist das Budget für die Zeit nach der 200-Jahr-Feier" sagt er; die Freiheit von Themenwahl und Gestaltung, die die meisten Landesmuseen errungen haben, ist nur bei entsprechender Dotierung sinnvoll.

Oder, wie Karl-Markus Gauß schreibt: "Kein Landesmuseum kann mehr bieten, als das Land, dessen Museum es ist, ihm zu bieten hat." Das ist nicht nur, aber auch finanziell zu verstehen. (Michael Freund / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.6.2009)

 

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