"Das fliegt einem nicht zu"

17. Juni 2009, 18:25
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Jürgen Melzer, als Tennisspieler die Nummer 26 der Welt, über Wimbledon, den enthemmten Federer und über die Wert­schätzung seiner Arbeit

Wien/London - Jürgen Melzer ist überzeugt, dass er den Tennisklassiker in Wimbledon nicht gewinnt. Das Turnier beginnt trotzdem am Montag. "Schon die Frage danach ist jenseitig." Mit "nicht gewinnen" ist "niemals gewinnen" gemeint, wobei das nicht ganz stimmt. 1999 hat er den Junioren-Bewerb als Erster abgeschlossen. Der erwachsene Melzer hat gelernt, sich selbst einzuschätzen, ein 28-Jähriger träumt realistisch. Der unbestechliche Computer der ATP führt ihn an 26. Stelle. Melzer sagt: "Das ist gut, das fliegt einem nicht zu. Da steckt viel Arbeit dahinter."

Dass die Schufterei in der österreichischen Öffentlichkeit kaum gewürdigt wird, soll sein, tut ein bisserl weh. "Tennis wird bei uns totgesagt. Aber in Kitzbühel waren an einem Tag fast 5000 Zuschauer. Es spielt keine große Rolle, dass die Karten verschenkt wurden. Hingehen musste man trotzdem."

Sündenbock

Melzer besitzt die Gabe, als Sündenbock zu dienen. Im März wurde ihm das 2:3 im Daviscup gegen Deutschland angelastet. "Ich habe es auf meinen Buckel genommen. War der Drückeberger, weil ich im Doppel nicht angetreten bin. Obwohl es eine Team-Entscheidung war. Trotzdem mag ich den Daviscup." Tennisprofis sind Einzelunternehmer. Melzer spürt die Auswüchse der Weltwirtschaftskrise nicht, er hat heuer 360.000 Dollar Preisgeld verdient. Im bisherigen Leben sind es 3,3 Millionen gewesen. "Man darf Erfolge nicht nur an Titeln messen." Für Melzer gilt diesbezüglich die Einzahl, 2006 gewann er das Turnier in Bukarest.

Die aktuelle Saison hatte mäßig begonnen, danach setzte die Phase der Selbstfindung ein. Bei zehn Veranstaltungen hat er die dritte Runde erreicht, in Rom ist sogar Nikolai Dawidenko zu schwach gewesen. "Aber der Rausreißer nach oben fehlt. Ich war nicht gut genug, durchzuschießen." Jetzt kommt Wimbledon, quasi das Beste.

Melzer strebt das Achtelfinale an, das wär ein Novum in seiner Grand-Slam-Geschichte. Auch in Melbourne, Paris und New York war spätestens nach der dritten Runde Schluss. Bei 28 Gelegenheiten. Gegen das Achtelfinale sprechen diesmal die Schmerzen im Rücken, irgendein Nerv ist entzündet und drückt auf Kreuz. "Wenigstens kein Bandscheibenvorfall." Zudem zählt sich Melzer nicht unbedingt zu den Rasenspezialisten. "Aber ich habe es ganz gerne." Hoffen lässt die Tatsache, gesetzt zu sein, das macht bei der Auslosung Sinn. Zumindest in den ersten beiden Runden sind Begegnungen mit Giganten auszuschließen. Es müsste saublöd hergehen, Lleyton Hewitt zu erwischen. Einziger Vorteil: "Das Match würde vielleicht bei Regen auf dem überdachten Centrecourt stattfinden."

Die Zusammenarbeit mit Trainer Joakim Nyström funktioniert tadellos, von der langjährigen Mentalbetreuerin hat sich Melzer vor Monaten getrennt. Die Probleme im Kopf löst er nun selbst. "Man braucht Rezepte gegen Nervosität und Blackouts. Es geht darum, Pläne für kritische Situationen zu entwickeln."

Roger Federer genießt seit seinem ersten Titel bei den French Open den Luxus, planlos sein zu dürfen. Dem Genie sind laut Melzer weitere Großtaten zuzutrauen. "Ich glaube nicht, dass sich bei ihm Zufriedenheit und Sattheit einstellen. Im Gegenteil. Er kann jetzt befreit Gas gegen und alles zerstören." Federer sei, no, na, der Topfavorit in Wimbledon. "Rafael Nadal hat weit mehr Probleme mit dem Körper, Federer geht bewundernswert ökonomisch mit sich um. Andy Murray könnte der erste Herausforderer sein." Melzer würde ein Achtelfinale nehmen. "Obwohl man nie zufrieden sein soll." (Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE 18.6. 2009)

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    Jürgen Melzer serviert wieder in Weiß auf Grün.

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