Girardifestspiele

17. Juni 2009, 17:18
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C. liebt das Café Girardi - auch wegen des Speiseangebotes

Es war vorgestern. Da zeigte mir C. die Speisekarte des Lokals. Und griff noch einmal in die Tasche: er habe, sagte er, nämlich auch die zweite Karte verlangt. Und nun, sagte er, sei er ganz sicher: Dem Café Giradi werde er noch lange die Treue halten.

Es ist nämlich so, dass C. eine Affinität zu Lokalen hat, die man in keinem - oder kaum einem - Gastroführer findet. C. umschreibt das so: „Dort beschweren sich die Gäste am Dienstag um zehn am Vormittag, dass der Wein am Montag um neun in der Früh nicht so sauer war." Aber ehrlicher und herzlicher als in gelackten Schnöselhütten, betont er, gehe es hier allemal zu. Drum sei seien Wahl ganz klar.

Vis a Vis vom Puff

Derzeit schwärmt C. vom Café Girardi. Das, erklärt er, liege in der Girardigasse. Beim Sperl. Gegenüber „vom Puff". Obwohl C. natürlich weiß, dass keiner von uns eine Idee hat, wo es in Wien Rotlichtbetriebe geben könnte.

Das Girardi, erklärte C., erfülle alle Anforderungen, die er an ein Teilzeit-Lieblingslokal stelle. Mehr noch: Die Hütte, referierte C., nehme ihren Bildungsauftrag ernst - und obwohl er vermute, dass nicht viele Stammgäste sich auf der Homepage (cafe-giradi.at) die Links zu Gemüte führen, fände er es lobenswert, dass man auch abseits der gastronomischen Kernkompetenz („Girardirostbraten") Girardirelevantes vermittle: Wer Alexander Girardi war könne man erfahren. Auch wann der Girardiwettbewerb stattfindet. Und es gibt ein Bild vom Girardihut.

Vorzüge

Doch darum, erklärte C., gehe es gar nicht. Denn mit einer der Vorzüge von Lokalen wie dem Girardi sei, dass man günstig und passabel essen könne. Sicher: die Speisekarte sei beschränkt - aber das werde durch die Preise kompensiert. Außer ihm selbst, räumt er aber ein, gäbe es hier aber nicht viele regelmäßige Esser.

Doch nicht einmal ihm selbst, gab C. zu, sei aufgefallen, dass das, was er immer für die Speisekarte gehalten hatte, in Wirklichkeit ein Menüplan war. Und ist. (Im Internet nennt sich der Reiter mit dem aktuellen Plan bis jetzt „Ostern im Girardi") Denn, sagt er, es habe nie einen Unterschied gemacht, wenn er am Mittwoch Bernerwürstel verlangt hatte - obwohl die erst als Donnerstagsmenü gelistet waren.

Laufende Salate

Neulich aber, erzählte C., sei ihm dann aufgefallen, dass die Karte - ein mittig gefaltetes querformatig zu haltendes A4-Blatt mit den Tagesangeboten und einem Hinweis auf die Salatbar („laufend 6 Sorten") und Snacks „(„Laufend frische Semmeln, Leberkäse, faschierte Laibchen, und gebratenes nach Angebot!") (Sic!) - nicht für alle Tage galt: Es war die Fronleichnamswoche. Für Donnerstag stand da statt Bernerwürstel/Schnitzel/Reisfleisch „Feiertag - siehe Karte „Besondere Anlässe"". Und auch der Freitag war als „verlängertes Wochenende siehe Karte „Besondere Anlässe"" angeführt. Da, sagte C., sei er neugierig geworden - und habe die Karte „Besondere Anlässe" verlangt.

An dieser Stelle legte C. uns die reguläre Fronleichnamsmenüwochenkarte vor. Und holte die zweite Karte aus der Tasche: Zugeklappt war sie nicht vom Menüplan zu unterscheiden: Gelb, A4, quer, halbiert - und mit einer schlichten Würstelpommestellerschwarzweissgrafik geschmückt. Statt „Menüplan" stand aber „Sonderkarte für Wochenende, Feiertage und sonstige Anlässe" drauf. Schon das, sagte C, habe ihn begeistert: gab es hier denn tatsächlich „sonstige Anlässe"? Hochzeiten, Sponsionen oder Bar Mizwa-Feiern etwa?

Der Unterschied

Auch beim Aufklappen der Sonderkarte habe er dann zweimal hinsehen müssen, um den großen Unterschied zu erkennen: Schließlich stehen - die zweite karte lag mittlerweile auch vor uns - da exakt jene lukullischen Genüsse, die auch auf den über ein paar Wochengesammelten Menüplänen zu finden sind. Bloß eben ohne Wochentagszuteilung.

Wir staunten - bis C. uns auf die Tücke im Detail hinwies: An Feiertagen kosten die Bernerwürstel nämlich statt 3,90 Euro plötzlich 4,50. und das Putenschnitzel statt 4,50 eben 5,50.

Aber, wies C. jede Mutmaßung, der niedrigere Preis sei eben über die Menge und die Massenbestellungen an den Menütagen zu erklären, zurück, auch an stinknormalen Wochentagen habe er, soweit er sich erinnern könne, immer den Menüpreis verrechnet bekommen: Am Wochenenden, Feiertagen oder bei den ominösen „sonstigen Anlässen" müsse man im Café Girardi eben die Mühewaltung des Personals am Feiertag extra bezahlen - und das, betonte er, fände er sehr in Ordnung.

Nur eines verstünde er nicht. Und damit, sagte C., meine er jetzt keinesfalls das bezaubernde „Alle Kaffee´s aus unserem Angebot auch als „CAFE TO GO!"" (an derlei habe er sich längst gewöhnt.) Das Giradi habe an Wochenenden und Feiertagen nämlich laut Internet „nach Bedarf" , laut Karte aber „ab 9 Uhr" geöffnet - dabei sei der Bedarf doch am Sonntag sicher genauso groß wie während der Woche (ab 7 Uhr). Denn die Getränke kosten an Wochenenden und Feiertagen hier gleich viel, wie während der Woche.(Thomas Rottenberg, derStandard.at, 18. Juni 2009)

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