"Bundesheer im Ernstfall überfordert"

17. Juni 2009, 17:16
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Experte schlägt vor, das Präsenzheer um eine freiwillige Komponente aus Teilzeitsoldaten zu ergänzen

Wien - Das heutige Bundesheer wäre in einem Ernstfall überfordert, ein Berufsheer wäre das erst recht, lautet die These des Politikwissenschafters Alfred Lugert. Im Gespräch mit dem STANDARD schlägt er vor, die verbliebenen Reste des Milizheeres neu zu strukturieren und in eine Teilzeit-Streitkraft auf halbprofessioneller Basis umzuwandeln.

"Es ist eine Frechheit zu behaupten, dass das Bundesheer seine Aufgaben erfüllen könnte" , sagt Lugert nach Auswertung der zugänglichen Unterlagen über den Zustand des Bundesheeres: "Die Frage, in welchem Umfang und mit welcher Qualität es seine Aufgaben erfüllen könnte, bleibt unbeantwortet." So gebe es zwar viele durchwegs gut ausgebildete Offiziere und Unteroffiziere im Präsenzstand. Das Material, über das sie verfügen, sei aber ungenügend - und die Befüllung der Truppen "mit viel zu kurz dienenden wehrpflichtigen Rekruten ist zwar billig, entspricht aber nicht dem Qualitätsanspruch an rasch verfügbare Einsatzkräfte" .

Klar und unbestritten sei seit langem, dass die "Spitzenaufgabe des Heeres, nämlich die militärische Landesverteidigung" , nicht mehr erfüllt werden kann.

Das gilt als unproblematisch, weil für eine militärische Bedrohung des österreichischen Territoriums mit Vorwarnzeiten von sieben bis zehn Jahren gerechnet werden kann. Lugert warnt davor, sich zu sehr darauf zu verlassen: Es müsse in ganz Europa eine Zone gleicher Sicherheit geben, "internationale Organisationen sprechen sich auch für eine Stärkung der Homeland Defense, etwa zum Schutz der wesentlichen Infrastruktur, aus. Kein Staat kann sagen, ich bin von lauter Freunden und Freunden von Freunden umgeben, sonst hätten wir in Europa eine Zone großer Unsicherheit und katastrophaler Hilflosigkeit."

Lugert, der als Militärdiplomat bei der OSZE und als Reserveoffizier im Peacekeeping tätig war: "Ohne eine Art Homeguard kann das Bundesheer der Zukunft nicht funktionieren." Er greift den vor 20 Jahren vom Milizverband entwickelten Gedanken einer Profi-Miliz auf und schlägt vor, dass das Bundesheer für seine Inlandsaufgaben Freiwillige als Teilzeitsoldaten in einen dienstrechtlichen Vertrag nimmt. Dieser würde sie verpflichten, gegen marktgerechte Bezahlung und mit sozialer Absicherung mindestens einmal im Monat eine Wochenendübung sowie einmal im Jahr einen mindestens zehntägigen Einsatz zu absolvieren. (Conrad Seidl/DER STANDARD-Printausgabe, 18. Juni 2009)

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