"Er hat im Alleingang mein Projekt zerstört"

17. Juni 2009, 17:02
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Der britische Thronfolger macht wieder einmal mit Architektur-Kritik von sich reden

Der feine Londoner Stadtteil Chelsea hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Der Spaziergänger merkt davon allerdings fast nichts: Die meisten Bauanträge an die örtliche Bezirksverwaltung drehen sich um die Unterkellerung unscheinbarer Reihenhäuser und Stadtvillen, häufig gönnen sich die wohlhabenden Bauherren gleich einen privaten Swimmingpool.

Wo man die Veränderung bemerken könnte, formiert sich erbitterter Widerstand traditionsbewusster Anleger. So war es kürzlich am Sloane Square, dem Ausgangspunkt der legendären King's Road: Die Stadtplaner wollten den Platz vom Durchgangsverkehr befreien und damit Fußgängern mehr Raum geben, die Anwohner beharrten auf dem Althergebrachten und setzten sich durch.

Nicht weniger emotional geht es zu beim Streit um eines der wichtigsten Bauprojekte der Hauptstadt in den nächsten Jahren. Auf dem 5,2 Hektar großen Areal der früheren Chelsea-Kaserne soll ein neuer Mini-Stadtteil entstehen, Wohnungen und Geschäfte für tausende neue Bürger. Noch mitten im Wirtschaftsboom bezahlte die autokratische Herrscherfamilie des Golf-Staates Katar vor zwei Jahren 959 Mio. Pfund (1,13 Mrd. Euro) für den Bauplatz und beauftragte den Star-Architekten Richard Rogers (Centre Pompidou, Millennium Dome) mit der Planung. Das Konzept des vielfach geehrten Lords sah einen dichten Cluster von bis zu elfstöckigen Gebäuden aus Stahl und Glas vor, dazwischen viel Grün und wenig Autos.

Anwohner fürchteten um die Struktur ihres Viertels, dessen imposantestes Gebäude, ein Altenheim für verdiente Armee-Veteranen, von Barock-Baumeister Christopher Wren stammt.

Alte Widersacher

Diese Woche sollte der zuständige Planungsausschuss über den Bauantrag entscheiden. Dass die Kataris trotz bereits entstandener Kosten von rund 30 Mio. Pfund in letzter Minute zurückzogen und Rogers aus dem Projekt entließen, schlägt nun Wellen weit über Chelsea hinaus. Denn durch eine Indiskretion wurde bekannt, dass der britische Thronfolger Charles per Brief bei der Königsfamilie interveniert hatte: Rogers Projekt sei "unangemessen" . Dagegen protestierten schon im April eine Reihe berühmter Kollegen des Alt-Meisters, darunter auch Zaha Hadid, Rogers einstiger Partner Renzo Piano sowie die Basler Jacques Herzog und Pierre de Meuron: "Statt hinter den Kulissen seinen Einfluss geltend zu machen, sollte der Prinz sich an einer transparenten Debatte beteiligen." Der frustrierte Lord Rogers selbst tobt über den "arbeitslosen" Prinzen: "Er hat im Alleingang mein Projekt zerstört. Das verstößt gegen die Verfassung."

Rogers (75) und der Prinz (60) sind alte Widersacher, schließlich macht Charles seit Jahrzehnten kein Hehl aus seiner Abneigung gegen moderne Architektur. In einer Rede konfrontierte der Prinz bereits 1984 die versammelten Star-Baumeister wie Norman Foster und Rogers mit dem "Gefühl, dass Architekten mit ihren Bauwerken häufig ihren Kollegen und Kritikern mehr gefallen wollen als den späteren Bewohnern" . Wie ein dilettierender Elefant brach der Thronfolger in den Porzellanladen der Spezialisten ein und konfrontierte sie mit einer unangenehmen Wahrheit: Einer breiten Öffentlichkeit gefällt euer elitärer Stil nicht. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.6.2009)

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    Architekt Richard Rogers (li.), Prinz Charles: Alte Widersacher.

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