Internet-Dienst ist mancher Regierung ein Dorn im Auge
Wer noch Zweifel an der Rolle von Twitter bei den Protesten im Iran hatte, ist mittlerweile eines Besseren belehrt. Eigentlich hatte der Internet-Dienst für Montag dringend benötigte Wartungsarbeiten angesetzt. Aber die einstündige Unterbrechung wäre zu einer Zeit gekommen, da die Anhänger von Mir-Hossein Moussavi in Teheran ihre Demonstrationen koordinierten. Keine geringere Stelle als das US-Außenministerium bat Twitter daraufhin um eine Verschiebung. Und tatsächlich wurde der Dienst erst am Dienstag um 17.00 Uhr US-Küstenzeit (23.00 Uhr MESZ) unterbrochen - hart für die amerikanischen Benutzer, aber besser für die Iraner, bei denen es 01.30 Uhr in der Nacht zum Mittwoch war.
Spekulationen
Natürlich wies ein Sprecher des Außenministeriums in Washington jeden Gedanken daran zurück, die USA hätten sich mit ihrer Bitte in die inneren Angelegenheiten des islamischen Erzfeindes eingemischt. Man habe lediglich auf die Bedeutung des Kommunikationsdienstes hingewiesen. Und auch Twitter betonte im Firmenblog, die US-Regierung habe keinen Zugang zu seinen Entscheidungsprozessen. "Allerdings stimmen wir beide überein, dass der offene Austausch von Informationen eine positive Wirkung in der Welt hat."
Zensur umgangen
Die Regierung von Präsident Mahmud Ahmadinejad dürfte das anders sehen. "Achtung: Moussavi-Marsch findet weiter statt. 17.00 Uhr" lautete eine der "Tweets" genannten Kurzbotschaften, mit denen die Opposition die Sperren von SMS und zahlreichen Internet-Sites der vergangenen Tage umging. Von den 70 Millionen Iranern sind mehr als 23 Millionen im Internet. Die iranische Regierung versucht dies mit "einem der umfassendsten technischen Filtersysteme der Welt" zu kontrollieren, wie die Anti-Zensur-Organisation OpenNet Initiative 2007 berichtete. Trotzdem gab es schon damals etwa 400.000 Blogs auf Farsi.
China blockiert
Twitter ist einer der neuesten Dienste im Internet. Seine bis zu 140 Zeichen langen Tweets sind schnell auch anderen Regierungen ein Dorn im Auge geworden. China blockierte den Zugang vor dem Jahrestag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Auch in Demokratien kann das Gezwitscher zu Irritationen führen, wie in Deutschland, als Abgeordnete das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl vor der offiziellen Bekanntgabe verbreiteten.
Bedeutende Rolle
Zusammen mit seinem Netzwerk-Partner NTT America sei man sich bewusst, welche wichtige Rolle Twitter als Kommunikationswerkzeug im Iran spiele, erklärte der Textdienst- Betreiber, als er am Montag die Verschiebung der Wartungsarbeiten bekanntgab. Am Dienstag bloggte Twitter dann stolz, man habe die Aufgabe in der Hälfte der geschätzten Zeit bewältigt. Und unter Hinweis auf einen Reuters-Bericht über die Bitte des Außenministeriums hieß es weiter: "Es erfüllt uns mit Demut, dass unsere zwei Jahre alte Firma eine für die Welt so bedeutende Rolle einnimmt." (Reuters)