Nächtliches Zucken und Sprachlosigkeit

17. Juni 2009, 15:28
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Die Rolando-Epilepsie ist eine der häufigsten Epilepsieformen - Ihr Verlauf ist gutartig, trotzdem erzeugt sie Angst

Die Sprache bleibt weg, die Wange zuckt und die Zunge kribbelt - das sind die Symptome der Rolandoepilepsie, jener Epilepsieform, die am häufigsten im Kindesalter auftritt. Bei mehr als 70 Prozent der Betroffenen treten die Anfälle hauptsächlich nachts auf. Kein angenehmes Ereignis für Kinder, vor allem weil sie dann oft auch nicht sprechen können und ihren Eltern nachts von dem Anfall erzählen wollen. Das Gute daran, sofern eine Krankheit überhaupt etwas Gutes haben kann: Mit der Pubertät verschwindet sie.

Genetische Ursache

Über die Ursachen von Epilepsien sind sich Neurologen einig: "Epilepsien im Kindes- und Erwachsenenalter unterscheiden sich in diesem Punkt ganz gewaltig", weiß der Kinderneurologe Claudio Finetti, Oberarzt für Neuropädiatrie am Klinikum-Duisburg: Bei den Kindern seien es häufig angeborene Hirnfehlbildungen oder genetische Ursachen. Bei älteren Erwachsenen treten die neurologischen Erkrankungen häufig nach Schlaganfällen oder vaskulären Problemen auf. Bei der Rolandoepilepsie weiß man, dass sie genetische Ursachen hat. Hat ein Elternteil die Erkrankung, heißt das aber noch lange nicht, dass das Kind sie automatisch auch bekommt, so Finetti, denn manche Menschen seien nur Überträger.

Diagnose per EEG und Anamnese

"Die Nervenzellen im Gehirn repolarisieren sich alle gleichzeitig und während dieser Entladung kommt zum Krampfanfall", erklärt Finetti den neurologischen Vorgang. Vor allem in den sensiblen und motorischen Regionen in der Hirnrinde spielt sich die epileptische Aktivität ab.

Bei der Diagnose spielt das EEG eine wichtige Rolle. Es dient zur Unterscheidung ob es sich überhaupt um Epilepsie handelt und ob ein Kind die Veranlagung zu einer Epilepsie hat. Der zweite Baustein in der Diagnose ist die Anamnese: "Es ist ganz wichtig, was Eltern und Bezugspersonen über den Anfall erzählen und was das Kind selber erzählt", betont der Kinderneurologe.

Danach heißt es die Epilepsie genau zu klassifizieren. Generalisierte Epilepsien betreffen das gesamte Gehirn, fokale Epilepsien gehen von einem bestimmten Bereich aus. Die Rolandoepilepsie gehört zu letzteren. „Besonders ist, dass die Entladungen an einer bestimmten Stelle des Gehirns sind und zwar zentro-temporal. Das erkennt man im EEG sofort", so Finetti.

Gutartige Erkrankung

"Müsste ich mir eine Epilepsie aussuchen, würde ich mich für die Rolandoepilepsie entscheiden", meint der Kinderneurologe. Die Gründe für seine Entscheidung: Die Kinder haben im Alltag keine Einschränkungen, weder schulisch noch im Sport. Sie sind normal gut entwickelt, neurologisch nicht auffällig, haben aber eben diese Anfälle. Schäden hinterlässt diese Form der Epilepsie nicht. Mit Medikamenten, wenn überhaupt welche gebraucht werden, lässt sich die Rolandoepilepsie recht gut in den Griff kriegen. Nur bei gehäuftem Auftreten der Anfälle ist eine medikamentöse Behandlung notwendig. Allerdings: Schlaflosigkeit sollten diese Kinder vermeiden. Es kann sein, dass es nach Schlafentzug zu einem Anfall kommt.

Warum die Krankheit mit der Pubertät verschwindet, lässt sich bis heute nicht ganz erklären: „Wir wissen aber, dass es mit der Hirnreifung zusammen hängt. In der Pubertät kommt es zu Umbauprozessen des Gehirns, die diese Epilepsie zum Verschwinden bringen." Generell komme es bei kindlichen Epilepsien ganz häufig vor, dass sie altersgebunden sind. "Es gibt eine Form der Epilepsie, die nur im ersten Lebensjahr auftritt und danach nie wieder. Da gibt es noch viel Forschungsbedarf", erzählt Finetti.

Aufklärung nimmt Angst

Der Kinderneurologe weiß auch wie Kinder mit der Erkrankung umgehen: „Sie sind zwar ängstlich beim ersten Anfall, aber können damit gut umgehen, wenn sie merken, dass die Medikamente helfen." Bei Lehrern sieht Finetti noch Aufklärungsbedarf. "Epilepsie hat immer noch einen Stempel, mache Kinder werden von Schullandwochen ausgeschlossen, weil bekannt ist, dass sie an einer Epilepsie leiden."

Margarethe Firlinger von der Elterninitiative für anfallkranke Kinder (EIAK) und Mutter eines achtjährigen Buben mit einer schwereren therapieresistenten Form von Epilepsie weiß, was es bedeutet, wenn Kinder unter Epilepsie leiden: "Sogar in der Familie dauert es oft lange, bis ein Kind so akzeptiert wird, wie es ist". Und von außen reichen die Reaktionen von "du hast ja ein behindertes Kind" bis "man sieht es ihm aber gar nicht an". Für sie bedeutet die Tatsache, das Epilepsie normalerweise keine Prognose hat - "man weiß nicht was in zehn Minuten oder in zehn Jahren sein wird" - Angst und gleichzeitig Hoffnung. Im Falle der Rolandoepilepsie, die deutlich harmloser verläuft als andere kindliche Epilepsieformen, darf hier allerdings die Hoffnung überwiegen. (Marietta Türk, derStandard.at, 17.6.2009)

Veranstaltungshinweis: "Be Different Day"

Am Sonntag, 6. September 2009 stehen in Mödling die Kinder im Mittelpunkt: Schauplatz ist die Burg Liechtenstein, wo  bereits zum zweiten Mal im Rahmen des etablierten "KinderBURGFestivals" des Landesklinikums Thermenregion Mödlings der "Tag der Epilepsie" stattfindet. Das Team der Elterninitiative Anfallkranker Kinder und Jugendlicher als Initiatoren und Organisatoren möchten auch heuer an den Erfolg des letzten Jahres anknüpfen. Der Reinerlös des Festivals kommt bedürftigen Familien und Alleinerzieherinnen epilepsiekranker Kinder zugute.

Kontakt: Elterninitiative Anfallkranker Kinder und Jugendlicher Margarethe Firlinger Obfrau

Tel.: 0699/12 92 11 83 E-Mail: eiak@gmx.at

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Elterninitiative Anfallkranker Kinder und Jugendlicher

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    Die Rolandoepilepsie kann im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren auftreten - besonders häufig aber zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr.

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