Urologin Gründler: Eine Frage des Stehvermögens

24. Juni 2009, 18:32
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"UrologInnenkongresse gehören zu den wenigen, wo es keine Schlangen vor der Damentoilette gibt": Andrologin Therese Gründler über Männersachen, Frauenmangel und Fingerspitzengefühl

Mit Schwung und Elan, in Sportbekleidung, kommt die 47-jährige Ärztin zum Interview. Mit dem Radl ist sie die kurze Strecke vom Spital im zweiten Bezirk in die City gefahren - direkt aus der 30-Stunden-Schicht kommend. "In meinem Beruf ist es wichtig, fit zu bleiben, weil er mir viel körperliche Kraft abverlangt", erklärt Therese Gründler. "Urologie ist auch ein chirurgisches Fach, mit heiklen Operationen, die sechs bis acht Stunden am Stück dauern können - da braucht man Stehvermögen und eine gute Konstitution."

Stehvermögen, das ist auch einer der vielen Gründe, warum Männer die Spitals- und Wahlärztin mit eigener Praxis aufsuchen. "Das Fach heißt konkret 'Urologie und Andrologie', erklärt Gründler. "Die Andrologie ist das Pendant zur Gynäkologie: die Kunde der männlichen Hormone, der männlichen Fertilität und Potenz." Männer kämen neben Routineuntersuchungen und Prostataproblemen vor allem mit Tumoren, Nieren- und Blasenkrebs zu ihr in Behandlung. Das Spezialgebiet der Ärztin ist zudem der unerfüllte Kinderwunsch bei Männern, wo es "viel zu reden gibt" und auch heikle Themen wie Potenz- oder Erektionsprobleme zur Sprache kommen. "Von den Patienten höre ich, dass sie das lieber mit einer Ärztin besprechen, weil viele männliche Kollegen da keine Geduld hätten oder das Problem herunterspielen."

Frauen suchen die Ärztin gezielt auf, "weil sie ihre Probleme lieber mit einer Frau besprechen" - dazu zählten unter anderem Harnwegsinfekte und Inkontinenz, Nierensteine beträfen beide Geschlechter. Kinder würden von den Müttern häufig gebracht, weil sie bettnässen oder wegen einer angeborenen Missbildung im Genitalbereich. "Immer mehr Frauen konsultieren mich auch wegen sexueller Dysfunktionen wie Scheidenkrämpfen oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, die meist interdisziplinär mit einer Gynäkologin oder einem Gynäkologen behandelt werden", schildert die Ärztin. "So wie man vor zehn Jahren mit Viagra bei der erektilen Dysfunktion bei Männern angefangen hat, trauen sich jetzt auch vermehrt Frauen, ihre sexuellen Probleme offen zu artikulieren."

Noch sehr wenige Urologinnen

Hatte der Urologe früher den Ruf des "alten Mannes, der alte Männer behandelt", so gebe es heute bereits viele jüngere Kolleginnen und Kollegen, die ihre Ordinationen modern gestalten, sodass sich Männer und Frauen jeden Alters dort gleichermaßen wohlfühlen können. Urologinnen sind allerdings national wie international noch immer sehr spärlich vertreten: So sind etwa in Österreich von den 501 praktizierenden UrologInnen nur 58 Frauen; 30 davon ausschließlich im Spitalsdienst angestellt, 27 (auch) mit eigener Ordination.* "UrologInnenkongresse gehören zu den wenigen, wo es keine Schlangen vor der Damentoilette gibt", schmunzelt Gründler. "Ich vermute, das liegt daran, dass die Urologie ein chirurgisches Fach ist und daher traditionell männerbesetzt, auch wenn sich zum Glück immer mehr Frauen dafür interessieren." Und warum gibt es umgekehrt so viele Männer in der Gynäkologie? "Ich glaube, weil die Gynäkologie ursprünglich ebenfalls ein chirurgisches Fach ist, nur haben die Frauen dort mit der Zeit sehr stark aufgeholt."

Ausbildung "geschenkt" bekommen

Sie selbst habe eigentlich auch nicht geplant, Urologin zu werden, verrät die Mutter einer 27-jährigen Tochter: "Das war reiner Zufall: Ich bin mit dem Turnus am Ende gewesen, war Alleinerzieherin, habe mein Kind ernähren müssen, die Miete zahlen und einen Job gesucht. Eigentlich wollte ich Hautärztin werden, aber dann habe ich im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien eine komplette, unbefristete Ausbildungsstelle als Urologin angeboten bekommen - so ein Geschenk darf man nicht ausschlagen." Ihre Tochter habe sie mit knapp 20 geboren. Als sie dann promovierte, war ihr Kind schon in der Mittelschule - was rückblickend sehr gut gewesen sei, denn: "Neben dem Studium habe ich trotz Arbeit genug Zeit mit ihr verbringen können. Wenn Sie aber einmal in der Fachausbildung stehen, haben Sie nicht einmal mehr für den Goldfisch Zeit - da waren zum Glück meine Geschwister und die Oma da."

Kein leichter Start

Die ganze Familie habe sich mit ihr gefreut, als sie stolz ihren FachärztInnen-Abschluss präsentierte - "nur meine Großmutter hat gesagt: 'Hättest du dir nicht etwas Anständigeres suchen können?'" Der Start in den Beruf sei jedoch nicht einfach gewesen, weil sehr männerdominiert, erinnert sich Gründler:"Da wird dir nichts geschenkt. Wenn man unter den Ärzten als Partnerin ernstgenommen werden will, dann wird von dir als Frau, wie in vielen Berufssparten, gerade am Anfang doppelte Korrektheit und doppelter Einsatz verlangt." Aber sie hatte auch Glück, erzählt sie, denn: "Ich bin schon während der Ausbildung von meinem Chef sehr gefördert worden, wodurch ich mich besonders im OP rasch eingelebt habe. Wir hatten zudem eine Ambulanz- und eine Stationsschwester, die sehr auf mich geschaut haben und auch das Pflegepersonal hat mich sehr unterstützt."

Was sie an ihrem Beruf besonders fasziniere, seien der technische Part und die Arbeit im Operationssaal: "Wenn man zum Beispiel an der Blase oder der Harnröhre arbeitet, oder eine Sterilisation beim Mann wieder rückgängig macht, dann ist das eine ganz feine, kunstvolle und hochspezialisierte Chirurgie; ein subtiles Handwerk, für das man viel Fingerspitzengefühl braucht. Ich komme aus einer Technikerfamilie, von dort habe ich das technische Grundverständnis mitbekommen. Der Papa hat uns immer ans Räderwechseln und Lampenmontieren heranlassen; meine Mutter war katholische Feministin, die mich und meine drei Geschwister nie klassisch geschlechtsspezifisch erzogen hat."

Kein Problem mit Intimität

Ein Problem damit, Männer "intim" zu behandeln, hätte sie nie gehabt, "außer als ich ganz frisch in der Ausbildung war. Das hat sich aber schnell gelegt." In der Gesellschaft habe sie am Anfang jedoch immer gesagt, sie sei Ärztin, statt Urologin, "weil da jeder Mann immer gleich die Pobacken zusammenkneift." Und andersrum: Haben Patienten im Spital mit ihr als Urologin ein Problem? "Bei der Routineuntersuchung ist es meistens egal, wenn es um Potenzprobleme geht, drucksen viele herum. Wenn ich das Thema aber selbst anspreche, dann sind die Patienten meist sehr erleichtert und man kann gut mit ihnen darüber reden."

Kommt es vor, dass Männer sich bei der Untersuchung "angeturnt" fühlen? "Manchmal, aber Problem ist das für mich keines. Es gibt natürlich eine Grauzone, speziell bei Erektionsproblemen, wo manche Patienten sich wohlfühlen, weil sie mit einer Person einmal offen darüber sprechen können. Ich versuche dann, das mit Kompetenz einzuschränken, ganz sachlich zu bleiben, das Gespräch bewusst zu führen und nehme den Patienten natürlich trotzdem ernst." Hin und wieder bekomme sie auch ein Liebesbriefchen von einem älteren Patienten,"aber das kann ich schnell wieder abstellen. Und wenn mich die 95-Jährigen lieben, habe ich nichts dagegen!"

Ärztin rund um die Uhr

Ihr Beruf beschäftigt die sympathische Ärztin oft rund um die Uhr: "Ich gehe nach dem Nachtdienst nicht nach Hause, wie es in manchen Spitälern üblich ist, sondern habe bis am frühen Nachmittag normal Visite, Besprechungen, OP, Ambulanz - das sind dann 30-Stunden-Dienste." Was braucht man, außer Kaffee, um das durchzuhalten? "Viel Liebe zur Arbeit, viel Energie - und zu Hause gehe ich dann um 17.00 Uhr vorsichtshalber schon mal Zähne putzen, falls ich einschlafe."

Die wenige Freizeit sei für sie sehr kostbar, "aber leider - oder gottseidank - auch viel mit Fortbildung ausgefüllt." Als Frauenbeauftragte des Österreichischen Berufsverbandes der UrologInnen unterstützt Gründler außerdem Kolleginnen, nimmt Frauen die Scheu vor dem UrologInnenbesuch und betreut das Forum im Internet. Wenn sie dann wirklich einmal ganz frei hat, "dann muss ich unbedingt in die Natur hinaus: Ich gehe leidenschaftlich gerne bergsteigen, weil ich da vom Trubel weg bin. Auf mehrtägigen Rucksackwanderungen komme ich gut wieder vom Schichtdienst runter, weil ich durch die körperliche Anstrengung ruhig schlafen kann und es in den Bergen auch keine störende Leuchtreklame gibt." Einmal im Jahr gönnt sie sich drei Wochen Urlaub am Stück - die Berge dürfen dann auch in Afrika oder auf Cap Verde sein: "Alternativurlaubend mit dem Rucksack durch die Hütten und dann fünf Tage im Hotel am Strand - das ist die idealste Urlaubsform, um mich auszuklinken."

"Was, du bist schon wieder nicht da?"

Im Alltag nutzt Gründler zum Beispiel Theaterbesuche, um abzuschalten - "im Abo, zusammen mit meiner Mutter und meiner Schwester, damit ich die auch fix regelmäßig sehe". Die Familie habe sich mittlerweile an den stressigen Beruf der Ärztin gewöhnt. Zwar hört sie gelegentlich noch ein "Was, du bist schon wieder nicht da?", aber: "Sie haben es verstehen gelernt, dass mich mein Job sehr beansprucht." Sehr froh sei sie auch, einen verständnisvollen Partner zu haben, "dem sein eigener Beruf Spaß macht, der nicht meckert, wenn ich müde bin und der auch mal alleine mit dem Haushalt zurecht kommt: Er sieht, was zu tun ist und er tut's. Ohne diese Unterstützung hätte ich ein Problem."

Immer am Boden bleiben

Was sie jungen KollegInnen gerne auf den Weg mitgibt, ist der Rat, am Boden zu bleiben, sich Zeit für den Kontakt mit den PatientInnen zu nehmen - auch wenn die immer knapper bemessen ist - und dass "in unserem Beruf Demut sehr wichtig ist: Jede Operation, auch wenn sie zum Wohle des Patienten ist, ist Körperverletzung und man soll sich jeden Tag innerlich verneigen und darum bitten, dass man sein Bestes gibt und nichts passiert."
(Isabella Lechner/dieStandard.at, 25.6.2009)

* Quelle: Österreichische Ärztekammer (ÖÄK)

Links:

www.drgruendler.at

Berufsverband der Österreichischen Urologen

www.urologisch.at

  • Urologin Therese Gründler: "In meinem Beruf ist es wichtig, fit zu bleiben, weil er mir viel körperliche Kraft abverlangt."
    foto: privat

    Urologin Therese Gründler: "In meinem Beruf ist es wichtig, fit zu bleiben, weil er mir viel körperliche Kraft abverlangt."

  • Die Ärztin bei einer Blasenoperation (Bild re.): "Urologie ist auch ein chirurgisches Fach, mit heiklen Operationen, die sechs bis acht Stunden am Stück dauern können. Das ist eine ganz feine, kunstvolle und hochspezialisierte
Chirurgie; ein subtiles Handwerk, für das man viel Fingerspitzengefühl
braucht"
    foto: privat

    Die Ärztin bei einer Blasenoperation (Bild re.): "Urologie ist auch ein chirurgisches Fach, mit heiklen Operationen, die sechs bis acht Stunden am Stück dauern können. Das ist eine ganz feine, kunstvolle und hochspezialisierte Chirurgie; ein subtiles Handwerk, für das man viel Fingerspitzengefühl braucht"

  • Frauen suchen die Ärztin gezielt auf, "weil sie ihre Probleme lieber
mit einer Frau besprechen" - dazu zählten unter anderem Harnwegsinfekte
und Inkontinenz.
    foto: privat

    Frauen suchen die Ärztin gezielt auf, "weil sie ihre Probleme lieber mit einer Frau besprechen" - dazu zählten unter anderem Harnwegsinfekte und Inkontinenz.

  • Ärztinnen sind in der Urologie noch rar. "UrologInnenkongresse gehören zu den wenigen, wo es keine Schlangen vor
der Damentoilette gibt", schmunzelt Gründler. "Ich vermute, das liegt
daran, dass die Urologie ein chirurgisches Fach ist, und daher
traditionell männerbesetzt, auch wenn sich zum Glück immer mehr Frauen
dafür interessieren."
    foto: privat

    Ärztinnen sind in der Urologie noch rar. "UrologInnenkongresse gehören zu den wenigen, wo es keine Schlangen vor der Damentoilette gibt", schmunzelt Gründler. "Ich vermute, das liegt daran, dass die Urologie ein chirurgisches Fach ist, und daher traditionell männerbesetzt, auch wenn sich zum Glück immer mehr Frauen dafür interessieren."

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