Gehirn: "Use or lose it"

17. Juni 2009, 12:47
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Geistig fit ins hohe Alter: Neurologie hilft bei aktivem Altern und auch Aufgaben wie Schachspielen und soziale Integration

Wien - "Hochrechnungen gehen davon aus, dass im Jahr 2050 auf 17 Personen im erwerbsfähigen Alter bereits ein Patient mit Hirnleistungsstörungen kommt", so Michael Ackerl, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie, ÖGN. "Dieses Problem stellt nicht nur die Neurologie vor immer größere Herausforderungen. Die ÖGN setzt deshalb jetzt ihre Kampagne "Aktives Altern - die Neurologie hilft" mit dem Thema „Geistig fit ins hohe Alter?" fort. Es ist wichtig, dass möglichst viele Menschen darüber informiert sind, dass bei demenziellen Problemen - und diese nehmen im Alter sprunghaft zu - die Neurologen die kompetenten Ansprechpartner sind."

Risikofaktoren Alter, weibliches Geschlecht, Bluthochdruck, hoher Blutzucker

"Aus epidemiologischen Studien sind die wichtigsten Risikofaktoren für die Entwicklung einer Demenz gut bekannt", so Reinhold Schmidt von der Klinischen Abteilung für allgemeine Neurologie, an der Medizinischen Universität Graz. „Weit weniger klar ist aber, welche Präventivmaßnahmen wirklich dazu geeignet sind, das Erkrankungsrisiko zu verringern."

Der größte Risikofaktor für die Entwicklung einer Alzheimerdemenz ist das Alter, so Schmidt. Während in der Gruppe der 65- bis 74-Jährigen weniger als zwei Prozent an Alzheimerdemenz erkranken, sind es in der Altersgruppe von 75 bis 84 Jahren bereits 11 Prozent und bei den Über-84-Jährigen etwa 30 Prozent. Die Genetik hat ebenfalls einen wesentlichen Einfluss auf das Risiko. Studien zeigen, dass Blutsverwandte ersten Grades ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko haben, ebenfalls an Morbus Alzheimer zu erkranken. Frauen sind insgesamt doppelt so häufig betroffen wie Männer. 

Neben diesen unbeeinflussbaren Risikofaktoren gibt es Faktoren, auf die durchaus Einfluss genommen werden kann und soll. Bluthochdruck und erhöhte Blutzuckerwerte vor allem im mittleren Lebensalter erhöhen das Alzheimerrisiko im höheren Lebensalter um das Zwei- bis Dreifache. Die rechtzeitige Behandlung dieser Faktoren reduziert vermutlich nicht nur das Risiko für Schlaganfälle, sondern auch für Demenz.

Aufgrund der insgesamt günstigen Wirkung auf die Gesundheit sollten vor allem Blattgemüse, aber auch Früchte und Fisch auf jeden Fall regelmäßig auf dem Speiseplan stehen. Auf das Rauchen sollte verzichtet werden, wenn auch hier der Effekt auf die Demenz nicht wissenschaftlich untermauert ist.

Bildung schützt

"Eine unabhängige Schutzwirkung vor Demenz wurde für Bildung gezeigt", so Schmidt. "Menschen, die sechs bis acht Jahre lang in Ausbildung waren, erkrankten einer Studie zufolge seltener an Demenz als jene mit weniger als fünfjähriger Ausbildung."

Auch häufig betriebene Freizeitaktivitäten schützen vor Demenz, wie eine im New England Journal of Medicine publizierte Studie zeigt. Aber nicht jede Freizeitaktivität scheint geeignet. So verringert das häufige Spielen von Brettspielen das Demenzrisiko um 74 Prozent, intensives Lesen um 35 Prozent, das Spielen eines Musikinstruments um 69 Prozent und das Lösen von Kreuzworträtseln um 41 Prozent. Die häufige Teilnahme an Gruppendiskussionen erhöhte in dieser Untersuchung hingegen das Risiko um sechs Prozent. Auch körperliche Aktivität verringert das Demenzrisiko, allen voran Tanzen (-76 Prozent), gefolgt von Hausarbeit (-72 Prozent), Gehen (-43 Prozent), Schwimmen (-29 Prozent) und Babysitten (-19 Prozent). 

Soziale Aktivitäten beugen vor

"Use or loose it" ist ein Prinzip, das in besonderem Maß auch für das Gehirn gilt", so Bernhard Iglseder von der Universitätsklinik für Geriatrie, Paracelsus MPU Salzburg. "Geistige Betätigung trägt wie physische und soziale Aktivität maßgeblich dazu bei, die Leistungsfähigkeit des Gehirns bis ins hohe Alter zu erhalten." Hinweise darauf, dass diese Komponenten sogar einen gewissen Schutz vor der Entwicklung einer Demenz bieten, liefert u.a. eine Untersuchung des Karolinska Instituts aus Schweden. Jeder der drei Faktoren alleine verringere das Demenzrisiko. Am meisten profitierten Menschen, die sich in mehreren Bereichen betätigen. Und dabei galt das Prinzip: mehr ist mehr. Ein sehr hoher Aktivitätsgrad reduzierte in dieser Untersuchung die Wahrscheinlichkeit, eine Demenz zu entwickeln, um fast die Hälfte." 

Wie sinnvoll ist Brain-Jogging?

"Zurzeit haben wir keine medikamentöse Therapie zur Verfügung, mit der sich das Voranschreiten des Abbaus der kognitiven Funktion längerfristig positiv beeinflussen lässt", so Thomas Benke von der Klinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Innsbruck. „Es stellt sich also die Frage: Wie können normal Alternde, aber auch Patienten mit einer Vorstufe der Demenz, dem so genannten „Mild Cognitive Impairment" (MCI), ihre Hirnleistung verbessern oder zumindest stabilisieren?" Heute geht man davon aus, dass wir dafür möglichst früh beginnen müssen, eine „kognitive Reserve" aufzubauen, von der im Alter gezehrt werden kann. Sie wird durch Jahre mit kognitiv stimulierenden und produktiven Aktivitäten erworben und dürfte eine große Bedeutung als Prävention gegen kognitives Altern haben. 

Studien über Gedächtnistraining mehrdeutig

In der Literatur findet sich eine Vielzahl unterschiedlichster Studien zur Frage, ob kognitive Fitness durch Üben im Alter nennenswert erhalten oder gefördert werden kann. Mehrere Interventionsstudien untersuchten den Effekt von Gedächtnisaufgaben, dem Erlernen kognitiver Strategien, dem Üben von effizienterer Informationsverarbeitung oder Problemlösen auf die geistigen Fähigkeiten. In mehreren Studien zeigte sich ein signifikanter Effekt des kognitiven Trainings, der vereinzelt Jahre lang anhielt. Diese und einige andere qualitativ gute Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass "Brain-Jogging" bei richtiger Anwendung anhaltende positive Effekte haben könnte, so Benke. 

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse seien allerdings mit etwas Vorsicht zu interpretieren, da sich die Studien in ihrer Gruppengröße, den demographischen Faktoren, den Einschlusskriterien, der Trainingsfrequenz, den Kriterien für den Erfolg und im Ausmaß der natürlichen Abnahme der kognitiven Funktion in Kontrollgruppen unterscheiden. Viele Stichproben sind zu klein, um allgemein gültige Aussagen zuzulassen. 

Gezielte Diagnostik schafft Klarheit ist der erste Schritt zur bestmöglichen Therapie
"Bei Gedächtnisproblemen, die über das altersentsprechende Maß hinausgehen, sollte nicht zu lange zugewartet, sondern möglichst bald der Hausarzt und in der Folge auch ein Neurologe konsultiert werden. Nicht jede Vergesslichkeit ist Demenz und nicht jede Demenz ist Alzheimerdemenz. Eine gezielte Diagnostik schafft Klarheit und ist der erste Schritt zur bestmöglichen Therapie", so ÖGN-Präsident Ackerl. (red, derStandard.at)

Wann zur Neurologin/zum Neurologen?

Je früher eine Demenz diagnostiziert wird, desto besser stehen die Chancen, das Fortschreiten der Erkrankung zumindest zu verzögern. Deshalb sollten man eine/n Neurologen/-in aufsuchen, wenn:

• man vergesslich wird
• man sich immer schwerer tut, sich neue Informationen, Zahlen oder Namen zu merken
• man zunehmend Probleme damit habt, sich zu orientieren
• man an Sprachstörungen leidet
• man antriebslos ist

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    Soziale Integration und geistige Aktivität gelten als Motor für psychische Gesundheit im Alter

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