Mehr Transparenz für Präventivmedizin

22. Juni 2009, 16:31
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Mammographie ab 40, Rauchverbot im öffentlichen Raum - Präventivmediziner fordern bessere Aufklärung für Laien und Ärzte in Form "Evidenzbasierter Medizin"

Präventivmedizin setzt auf die Früherkennung krankmachender Faktoren und beugt damit Krankheiten vor. Doch je stärker sich das Thema im öffentlichen Bewusstsein verankert, um so lauter werden die kritischen Stimmen: Screenings brächten satte Gewinne für Ärzte und Pharmaindustrie sowie hohe Kosten für die Krankenkassen - mitunter sogar unnötige Eingriffe für die Patienten.

"Ich kreide den Screeningkampagnen an, dass sie ungenügend über mögliche Nachteile aufklären", übt Andreas Christian Sönnichsen, Leiter des Instituts für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, Kritik. Dass durch das flächendeckende Mammografie-Screening die Brustkrebsmortalität in Österreich signifikant gesenkt wurde ist ihm bekannt, "doch dass das zu einem relativ hohen Preis erkauft wird, wissen die wenigsten". Konkret spricht Sönnichsen von einer von tausend untersuchten Frauen, die von so einem Screening auch profitiere, während bei zehn anderen völlig überflüssig Gewebe entnommen würde. Eine ungerechte Kosten-Nutzen-Verteilung und trotzdem verteufelt Sönnichsen Screeningmethoden keinesfalls. Die Entscheidung, ob eine präventivmedizinische Untersuchung Sinn macht oder nicht, lässt sich nämlich aus seiner Sicht nur auf der Basis solider Informationen beurteilen. Derzeit, so Sönnichsen, gibt es hier aber große Defizite.

Der Zeitpunkt entscheidet

Bei Vorsorgeuntersuchungen und Screenings geht es um die frühzeitige Entdeckung von Krankheiten, allerdings ist dies nur ein Aspekt der Präventivmedizin. Mediziner sprechen von Sekundärprävention, tatsächlich beginnt Präventivmedizin jedoch schon wesentlich früher. Robert Schlögel Leiter der Sektion II - Verbrauchergesundheit und Gesundheitsprävention des Bundesministeriums für Gesundheit sowie Vizepräsident der Österreichischen Akademie für Präventivmedizin und Gesundheitskommunikation (ÖAPG) will die Primärprävention nicht unerwähnt wissen.

Dieser Part der Vorsorge widmet sich der Verhütung von Krankheiten noch beim gesunden Menschen. Zunehmend an Bedeutung gewinnt die Primärprävention im Kindes- und Jugendalter. Die steigende Lebenserwartung und der daraus resultierende Anstieg vieler Zivilisationskrankheiten lassen die Kosten für das Gesundheitssystem in die Höhe schnellen. "Mit primärpräventiven Maßnahmen verzögert sich das Eintrittsalter typischer Alterserkrankungen und passt sich so der steigenden Lebenserwartung an", spricht Schlögel von langfristigen Maßnahmen, die kostenlos und problemlos zu haben sind: Nichtrauchen, Bewegung, gesunde Ernährung und ab 18 jährlich zur Vorsorgeuntersuchung - gehen! Denn "täglich mindestens 3.000 Schritte, besser noch 5.000", sind laut Schlögel die Basis für ein gesundes Leben.

Wissen oder glauben

Lebensstil ist das Stichwort der Primärprävention. Wie jedoch lassen sich Menschen zur Änderung eines krankmachenden Lebensstils motivieren? "Jemand, dem man mit einer Operation das Leben rettet, ist einem unendlich dankbar. Aber jemandem zu sagen: ‚hör mit dem Rauchen auf‘, kommt selten gut an", weiß Manfred Neuberger und bezeichnet die Präventivmedizin als "das wichtiges, aber undankbares Fach". Der Leiter des Institutes für Umwelthygiene der medizinischen Universität in Wien, Abteilung für Präventivmedizin, sieht sich mit einem halbherzigen Nichtrauchergesetz, den Schäden durch das Rauchen sowie mit Kampagnen für Nikotinersatzprodukte konfrontiert.
"Über die Folgen des Passivrauchens sind die Menschen nach wie vor zu wenig informiert. Und diejenigen, die darüber aufgeklärt sind, glauben oft nicht daran", bedauert Neuberger, der auch das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden der der Initiative "Ärzte gegen Raucherschäden" inne hat.

Für dieses Informationsdefizit macht Neuberger vor allem die letzten beiden Gesundheitsminister verantwortlich, die keinen Wert auf die Verbreitung wissenschaftlich basierter Informationen gelegt hätten. Nicht zuletzt deshalb werde Rauchen hierzulande nach wie vor mit "Belästigung", aber nicht mit "Gesundheitsschädigung" assoziiert. Neuberger fordert die Regierung auf, nur noch gesichertes Wissen zu veröffentlichen.

Mehr Eigeninitiative

Eine berechtige Forderung, denn offenbar tut sich nicht nur medizinische Laie mit dem Begriff "Evidenzbasierte Medizin" schwer. Sönnichsen: "Es ist auch für den Arzt nicht immer leicht an wissenschaftliche Informationen heranzukommen". Bei der Beantwortung der Frage: Wann und in welcher Form Prävention also Sinn macht, darf man sich demnach nicht ausschließlich auf die Empfehlung eines Arztes verlassen. Die entscheidenden und ergänzenden Faktoren heißen Eigeninitiative und Selbstverantwortung. Jeder mündige Mensch hat das uneingeschränkte Recht sich zu informieren. Neuberger weiß wo und verweist auf das Deutsche Netzwerk für Evidenzbasierte Medizin. (Eva Tinsobin, derStandard.at, 22.06.2009)

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    Die Präventivmedizin genauer betrachten

  • Langfristige gesundheitsfördernde Maßnahmen, die kostenlos und problemlos zu haben sind: Nichtrauchen, Bewegung und gesunde Ernährung
    foto: donau-universität krems/müller

    Langfristige gesundheitsfördernde Maßnahmen, die kostenlos und problemlos zu haben sind: Nichtrauchen, Bewegung und gesunde Ernährung

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