Den Organismus im Takt halten

16. Juni 2009, 20:39
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Störungen des biologischen Rhythmus können massive Auswirkungen auf die Gesundheit haben

Für seine chronomedizinischen Forschungen wurde der Grazer Maximilian Moser kürzlich mit einem Preis ausgezeichnet.

Als Chronomediziner ist Maximilian Moser ein Experte für die Rhythmen des menschlichen Organismus. Wie stark die Schwingungen unserer Organe und ihre Störungen die Gesundheit beeinflussen, beschäftigt den Biochemiker und habilitierten Physiologen seit seinen medizinischen Anfängen: "Da ich ursprünglich in der Kreislaufforschung tätig war, wurde ich zwangsläufig mit dem Rhythmus des Herzens konfrontiert."

Von dort sei es nicht weit zur durchaus nicht neuen Erkenntnis gewesen, dass alle Lebensvorgänge von intensiven Schwingungen begleitet seien, erzählt Moser. "Der Organismus folgt sowohl von außen gesteuerten Rhythmen wie dem Tag-Nacht- oder dem Jahresrhythmus als auch inneren Rhythmen wie Herzschlag, Atmung oder dem sogenannten basalen Aktivitätszyklus, der auf etwa 70 'aktive' Minuten jeweils rund 20 'passive' folgen lässt."

Die Zusammenhänge der untereinander vernetzten Rhythmen werden von der Chronobiologie untersucht, die Chronomedizin nutzt diese Erkenntnisse zu Diagnose- und Therapiezwecken.

In seiner Forschungsarbeit konzentriert sich der Leiter des Instituts für Nichtinvasive Diagnostik an der Forschungsgesellschaft Joanneum Research vor allem auf die Schlaf-, Stress- und Erholungsforschung sowie die vegetative Regulation des Organismus.

Wie gravierend die Folgen sein können, wenn die natürlichen Schwingungen unseres Körpers aus dem Takt geraten, konnte 2004 erstmals auf einem von Moser organisierten internationalen Kongress in Graz stichhaltig dokumentiert werden: "Untersuchungen aus den USA, Skandinavien und Europa zeigten, dass nacht- und schichtarbeitende Frauen um mindestens 50 Prozent höhere Brustkrebsraten aufweisen als Tagarbeiterinnen", berichtet der Mediziner.

Eine Erkenntnis, die 2007 dazu führte, dass Nacht- und Schichtarbeit von der WHO als "potenziell kanzerogen" klassifiziert wurde. "Vor wenigen Wochen wurden von der dänischen Regierung die ersten Kompensationszahlungen an Brustkrebspatientinnen geleistet, die in Nacht- oder Schichtarbeit tätig waren", freut sich Moser über die weitreichenden Folgen dieser chronomedizinischen Forschung.

Auch ein neues Kooperationsprojekt des Grazer Chronomediziners zur Optimierung von Therapiemethoden nach schweren Gelenksoperationen hat bereits zu praktischen Verbesserungen im Klinikalltag geführt und wurde dafür kürzlich mit dem science2business award 2009 des Wirtschaftsministeriums ausgezeichnet. Beteiligt an dieser im Auftrag des Kompetenznetzwerks "Wasserressourcen" durchgeführten Forschungsarbeit waren neben Joanneum Research, dem Humanomed Zentrum Althofen, der Medizinischen Universität Graz, der Karl-Franzens-Universität Graz, der Alpen-Adria-Universität und dem LKH Klagenfurt auch mehrere Wirtschaftsunternehmen.

Verschiedene Körperrhythmen

Um den voraussichtlichen Therapieerfolg eines Patienten mit Knie- oder Hüftgelenksersatz prognostizieren zu können, wurden hunderte Probanden vor und nach der Operation sowie einmal wöchentlich bis ein Jahr nach Beendigung der Rehabilitation untersucht. Neben medizinischen und psychischen Faktoren haben die Wissenschafter auch chronobiologische Parameter wie etwa die Schlafqualität oder die Herzfrequenzvariabilität erfasst.

Letztere ist für die Diagnose besonders ergiebig, weil sich darin sehr viele verschiedene Körperrhythmen spiegeln. Gemessen wurden die chronobiologischen Daten mit dem sogenannten Heartman, einem Gerät, das Moser bereits im Rahmen von Austromir zur Messung und Darstellung der vegetativen Kreislaufregulation entwickelt hatte. Was lässt sich nun aus all diesen Daten ableiten? "Sie ermöglichen erstmals, zuverlässige Prognosen für die Rehabilitationserfolge jedes einzelnen Patienten zu erstellen", erklärt Moser. "Der Arzt kann so die Therapieformen für jeden einzelnen Patienten individuell zusammenstellen." In Althofen wird das neue System bereits erfolgreich eingesetzt: "Es hat sich gezeigt, dass damit nicht nur die Therapieabläufe effizienter werden, sondern auch weniger Personal nötig ist."

Um die gewonnenen Erkenntnisse auch außerhalb von Rehabilitationszentren einsetzen zu können, arbeiten die Wissenschafter zurzeit gemeinsam mit einem IT-Unternehmen daran, die im "Alt-hofener Rehabilitationssystem" entwickelten Gesundheitsfaktoren der Herzfrequenzvariabilität mittels Personal Health Systems weltweit in der betrieblichen Gesundheitsvorsorge zu etablieren.

"Chronische Störungen der biologischen Rhythmen etwa durch Nacht- und Schichtarbeit oder Stress haben – wie wir aus neuen wissenschaftlichen Untersuchungen wissen – viel massivere gesundheitsschädliche Auswirkungen als bisher angenommen", betont Moser. "Das neue Personal Health System macht solche Rhythmusstörungen sichtbar und ermöglicht auch für noch gesunde Menschen eine effizientere Lebensstilberatung." (Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe, 17.06.2009)

  • Körperrhythmen wie Herzschlag oder Atmung dienen der Chronomedizin zu Diagnose- und Therapiezwecken.
    foto: joanneum research

    Körperrhythmen wie Herzschlag oder Atmung dienen der Chronomedizin zu Diagnose- und Therapiezwecken.

  • Chronomediziner Maximilian Moser.
    foto: marion beckhäuser

    Chronomediziner Maximilian Moser.

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