Sonnenstrom aus neuen Schläuchen

16. Juni 2009, 20:37
1 Posting

Fotovoltaik entwickelt sich zu einer Boom-Branche - Neue Technologien sollen die Erzeugung billigeren Solarstroms möglich machen

"Das muss man sich vorstellen wie die Innenseite einer Chips-Packung", sagt Felix Tiefenbacher. Die Rede ist von einer silbrig beschichteten Kunststofffolie. Sie bündelt Sonnenlicht und wirft es konzentriert auf eine Solarzelle, die Strom daraus macht. Tiefenbacher ist Geschäftsführer der Wiener Firma Heliovis und will eine neue Form von Solarkollektoren entwickeln, die im Wesentlichen aus einer aufblasbaren Kunststoffröhre bestehen.

Durch die transparente Oberseite fällt Sonnenlicht auf eine verspiegelte Plastikfolie in der Mitte, die die Röhre in zwei Kammern teilt. Da der Luftdruck in der oberen Kammer höher ist als in der unteren, krümmt sich die Spiegelfolie und fokussiert das Licht auf die Solarzellen, die oben entlang der Röhre sitzen. Gefördert wird das Projekt aus Mitteln des ZIT, Zentrum für Innovation und Technologie, wo momentan ein Call zum Thema Energie läuft.

Solarkonzentratoren gibt es schon länger. Sie bündeln das Licht und folgen dem Stand der Sonne, um mehr Energie zu erzeugen. Das ist aufwändig und teuer. Spiegelplatten und das ganze Gestell müssen bewegt werden. Tiefenbachers Plastikwalze löst diese Aufgabe leichter: Sie rollt um die Achse und ist zudem leichter und billiger als herkömmliche Konstruktionen. Erste Versuchszellen und Prototypen gibt es bereits. Die Serienproduktion soll in den nächsten Jahren starten.

"Vieles ist Basteln und Ausprobieren", sagt Markus Haider, Vorstand des Instituts für Thermodynamik und Energiewandlung an der TU Wien, mit dem sich die Firma Forschungsarbeit und Dissertanten teilt. Bei ihm am Labordach entstand das erste Modell der neuen Konzentratoren. Bei Konzentratoren müssen die Solarzellen gekühlt werden. Wenn man das mit Kühlwasser macht, könnte man gleichzeitig Strom und Warmwasser erzeugen und hätte damit eine Art Kraft-Wärme-Kopplung für Solaranlagen.

Tiefenbacher rechnet damit, dass ab 2015 das Geschäft richtig losgehen könnte, wenn Öl und Gas teurer werden und Windkraft und Biomasse ausgereizt sein könnten. Doch hierzulande wird man die neuen Kollektoren möglicherweise nie sehen. Tiefenbachers Ziele sind sonnige Gebiete, denn die Konzentratoren brauchen direkte Sonneneinstrahlung; bei Wolken funktionieren sie nicht.

Produzieren für den Export

Das Interesse an anderen Ländern hat aber nicht nur technische Gründe. Viele erfolgreiche heimische Firmen der Fotovoltaikbranche produzieren zu 90 bis 100 Prozent für den Export, weil im Inland zu wenig nachgefragt wird. "In Österreich ist das eine traurige Geschichte", sagt Hubert Fechner, Leiter des Instituts für erneuerbare Energie am Technikum Wien. Es gäbe zu wenig langfristige und kontinuierliche Förderung. Dabei würden derzeit in Österreich an die 1700 Menschen in der Fotovoltaikindustrie arbeiten; jährlich werden es 30 bis 40 Prozent mehr. Fechner rechnet mit bis zu 20.000 Arbeitsplätzen in zehn Jahren.

Kern der Forschung sind laut Fechner derzeit billigere Zellen. Das Zauberwort dazu heißt Grid-Parität: Solarstrom soll so viel kosten wie herkömmlich produzierter Strom. Solarzellen sollen auch ohne Förderung konkurrenzfähig sein. In fünf bis acht Jahren könnte es so weit sein. "Die Schere schließt sich gerade: Der Strompreis steigt, der Technikpreis sinkt", sagt Fechner. Das Potenzial sei annähernd so hoch wie bei Wasserkraft. Vor zehn Jahren hätten ihm Universitätsprofessoren noch davon abgeraten, sich für Fotovoltaik zu interessieren, es würde ein Nischenbereich bleiben.

"Heute ist die Frage nicht, ob der Boom kommt, sondern wann", sagt Fechner. Laut der Europäischen Vereinigung der Fotovoltaikindustrie hatten alle Solaranlagenanlagen weltweit im Jahr 2008 fast zehnmal so viel Leistung wie im Jahr 2000. Das Land mit der höchsten Leistung ist Deutschland.

Eine neue Technik sind Dünnschichtzellen, die bereits industriell hergestellt werden. Laut Wolfgang Hribernik, Leiter des Geschäftsfeldes Electric Energy Systems am Austrian Institute of Technology, haben sie zwar einen etwas geringeren Wirkungsgrad als herkömmliche kristalline Zellen, lassen sich aber günstiger produzieren. Geforscht wird derzeit vor allem an Leistung und Erträgen. "Internationalen Studien zufolge könnten 2020 in Europa zwölf Prozent des Stroms aus Fotovoltaik kommen", sagt Hribernik.

Die Schläuche von Heliovis sollen zunächst nur Strom produzieren, später vielleicht auch Wärme. Das Licht würde eine Flüssigkeit erwärmen. Ein Thermo-Öl könnte auf 300 bis 400 Grad erhitzt werden, die Temperatur ließe sich speichern, eine Dampfturbine könnte rund um die Uhr Strom liefern. Längerfristig möchte man auch chemische Prozesse mit Sonnenenergie antreiben. (Mark Hammer/DER STANDARD, Printausgabe, 17.06.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Fotovoltaik wird eine strahlende Zukunft vorausgesagt. Noch trüben in Österreich aber ein paar Wolken die Aussicht.

Share if you care.