"Technik ohne Verlierer"

16. Juni 2009, 20:40
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Der deutsche Wissenschaftsphilosoph Alfred Nordmann betreibt Begleitforschung in Sachen Nano

Stefan Löffler sprach mit ihm über den Umgang der Nanoforscher mit der Öffentlichkeit und die Rolle der Medien.

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STANDARD: Warum ist sozial- und geisteswissenschaftliche Begleitforschung zu Nano so gefragt?

Nordmann: Der Nanokosmos ist ein Bild für ein schier grenzenloses, technisches Potenzial, für einen imaginierten Möglichkeitsraum, der vermeintlich allen offensteht. Die Nanowissenschaften werden zur Wunscherfüllungsmaschine. Dahinter steckt die Vorstellung, wenn wir alles richtig machen, kriegen wir eine Technik ohne Verlierer. Dabei wissen wir: Das kann eigentlich nicht stimmen.

STANDARD: Was leistet Nanobegleitforschung?

Nordmann: Sie hat zum Teil die Funktion der Beglaubigung. Gingen früher die Wissenschaftsforscher in die Physiklabors, um sie mit ethnografischen Methoden zu dekonstruieren, sind sie heute an den Selbstverständigungsprozessen der Wissenschaft beteiligt. Für die Nanoforschung hat sich die Begleitforschung völlig bezahlt gemacht. Sie liefert keinen Dissens, sondern die Bestätigung der gesellschaftlichen Bedeutung von Nanotechnologie. Ohne Begleitforschung gäbe es Nanotechnologie im Singular gar nicht.

STANDARD: Lenken Begleitforscher nicht von der eigentlichen Nanoforschung ab?

Nordmann: Begleitforschung ist das Geringste. Da sollte man eher hinterfragen, wie viel Zeit Nanoforscher auf Agenda-Setting-Plattformen verbringen oder mit der Bearbeitung von Bildern aus dem Rastertunnelmikroskop, bis sie für die Titelseiten von Wissenschaftsmagazinen taugen. Diese Forschung braucht Öffentlichkeit und lebt davon, dass man sich ständig gegenseitig erklärt, woran man ist. Zugleich klagt man über eine gewisse "Erschöpfung durch Kommunikation". Immerhin mit dem Effekt, dass Nanoforscher offener als andere Wissenschafter im Umgang mit der Öffentlichkeit sind.

STANDARD: Aber die Bevölkerung schert sich wenig um Nano. Anders als bei der Gentechnik gibt es praktisch keine NGOs, die Protest oder zumindest Forderungen erheben.

Nordmann: Ich bin an einem EU-Projekt namens Nanocap beteiligt, in dem NGOs und Gewerkschaften ihre Stellungnahmen zu Nanotechnologie und ihren Risiken entwickeln sollen.

STANDARD: Die EU zahlt, damit endlich Kritik laut wird?

Nordmann: Man sagt quasi, die Technik ist voller Probleme, und alle können mithelfen, sie zu lösen. Das nennt sich verantwortliche Entwicklung der Nanotechnologie.

STANDARD: Welche Rolle bleibt für die Medien?

Nordmann: Die Journalisten stecken im gleichen Glaubwürdigkeitsdilemma wie die Wissenschafter. Keiner weiß, welchen Visionen man noch glauben darf. Wie fantastisch ist eigentlich ein mit Nanotechnologie gebauter Fahrstuhl von der Erdoberfläche in den Weltraum? (DER STANDARD, Printausgabe, 17.06.2009)

Zur Person
Alfred Nordmann lehrt Wissenschaftsphilosophie an der TU Darmstadt.

  • Artikelbild
    foto: nordmann
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