Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

16. Juni 2009, 20:35
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Nanotechnik sollen in Zukunft unser Leben verändern - Damit sie nicht das Schicksal der grünen Gentechnik erleidet, wird Begleitforschung betrieben

Nano - altgriechisch für Zwerg - ist in aller Munde: Forschung und Industrie versprechen sich von den neuen technischen Möglichkeiten im Bereich des Allerkleinsten (ein Nanometer ist ein Milliardstel Meter) wahre Wunderdinge: völlig neue Materialien, Beschichtungen oder Verabreichungsformen von Medikamenten zum Beispiel.

Der ganz große Hype hat zwar etwas nachgelassen, aber noch trägt er: Wer seine Forschung irgendwie unter Nanotechnologie laufen lassen kann, kommt leichter an Fördergelder. Jährlich fließen allein an öffentlichen Mitteln weltweit mindestens vier Milliarden Euro in als Nano-Gebiete firmierende Forschungen.

Selbst für nicht direkt beteiligte Disziplinen fällt einiges ab. Als die USA ihre "National Nano Initiative" lancierte, wurde gesetzlich verankert, dass auch die Risikoforschung über Nano sowie Untersuchungen über die ethischen, rechtlichen und sozialen Dimensionen finanziert werden müssten.

Mit etwas Verspätung zog man auch in Österreich nach: So hat das Institut für Technologiefolgenabschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen des Projekts "Nanotrust" kürzlich eine Datenbank von etwa 450 in Österreich erhältlichen, aber nicht kennzeichnungspflichtigen Produkten mit Nanomaterialien erstellt. Es sind vor allem Kosmetika wie Sonnenschutzmittel, Textilien und Beschichtungen, die Schmutz abweisen, sowie Reinigungsmittel und Medizinprodukte.

"Das Bewusstsein für Risiken ist extrem hoch. Das war in der Geschichte der Technik noch nie so", attestiert ITA-Forscher Ulrich Fiedeler. Keiner will die Fehler wiederholen, die bei Kernenergie oder in der grünen Gentechnik gemacht wurden. Also soll jetzt schon jedes denkbare Risiko antizipiert und durch Gesetze und Verordnungen unter Kontrolle gebracht werden. Eine ministerienübergreifende Arbeitsgruppe, die von Fiedeler und seinen Kollegen durch Recherchen unterstützt wird, erarbeitet gerade einen entsprechenden Aktionsplan, der im Herbst vorliegen soll.

Auf einer ITA-Tagung im Wiener Techgate wurde vorige Woche diskutiert, was der beste Zeitpunkt für Technikfolgenabschätzung ist. Die Frage stelle sich gerade für die Nanotechnologie. Visionen stehen im Raum, von denen kein Nanoforscher sagen kann, wann und ob sie überhaupt Wirklichkeit werden, "und wir sollen schon Risiken abschätzen. Da sind wir überfordert", gesteht Fiedeler.

Differenz zur Gentechnik

Der deutsche Wissenschaftsphilosoph Alfred Nordmann sieht dahinter den Wunschtraum einer Technik ohne Verlierer (siehe Interview). Der englische Wissenschaftsforscher Brian Wynne wiederum spottet über "all diese Angst, jedem Widerstand zuvorzukommen".

Wie oft habe er Wissenschaftspolitikern zu erklären versucht, dass zwischen Nano und grüner Gentechnik ein grundlegender Unterschied besteht: "Wir haben es hier nicht mit einigen wenigen Multis zu tun, die die Kontrolle über die Erzeugung unserer Nahrung anstreben, sondern mit einer Vielzahl von Unternehmen mit völlig unterschiedlichen Produkten."

Wynne, der dieser Tage an einer Konferenz zur Regulierung von Nanotechnologie an der Uni Wien ist, erfuhr vor fünf Jahren bei einem Abendessen mit dem britischen Wissenschaftsminister, was der sich von Begleitforschern wie ihm erwartete: "Ihre Verantwortung ist es, eine fügsame Öffentlichkeit zu liefern." Wynne ließ es bei einer diplomatischen Andeutung, dass er andere Absichten hegte. So wie der Minister habe man damals auch bei der EU gedacht, und ganz verschwunden sei dieses Denken bis heute nicht.

Fügsam ist die Öffentlichkeit nicht, eher desinteressiert. "Da müsste erst etwas passieren", vermutet Fiedeler. Das zwischenzeitliche Interesse von Umweltaktivisten ist wieder abgeflaut, beobachtet Christoph Meili von der Innovationsgesellschaft, einem Schweizer Beratungsunternehmen, das sich auf Nanokommunikation spezialisiert hat.

Doch nun winkt endlich Aufmerksamkeit. Immer öfter wird die Forderung laut, in Produkten enthaltene Partikel im Nanometerbereich zu deklarieren. "Allerdings wissen es die Hersteller in den meisten Fällen selber nicht", weiß Meili.

Während US-Bürger wie schon bei gentechnisch veränderten Organismen weniger ängstlich gegenüber Nanopartikeln in Lebensmitteln und Kosmetika sind, reagieren europäische Konsumenten eher nach dem Motto: "Wenn es drin ist, will ich es wissen. Sonst denke ich, es wird etwas versteckt."

Meili erwartet, dass die EU die Labelling-Debatte forciert. Bürgerbeteiligungsprojekte sind schon in den Startlöchern. Lobbyisten feilen an Standpunkten. Was am Ende herauskommt, meinen Meili und Fiedeler übereinstimmend, sei völlig unklar. Außer wahrscheinlich wieder Schlagzeilen für Nano. (Stefan Löffler/DER STANDARD, Printausgabe, 17.06.2009)

  • Nano heißt auf Griechisch Zwerg. Ein Sicherheitsnetz aus Risiko- und anderer Begleitforschung soll helfen, dass die Technik gesellschaftsverträglich bleibt.
    illustration: standard/aydogdu/köck

    Nano heißt auf Griechisch Zwerg. Ein Sicherheitsnetz aus Risiko- und anderer Begleitforschung soll helfen, dass die Technik gesellschaftsverträglich bleibt.

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