Ein Gaukler auf Physik-Mission

16. Juni 2009, 20:38
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Bernhard Weingartner tingelt mit dem Physikmobil durch Wiens Außenbezirke

"Was ist das? Was machst du?" Wenn Bernhard Weingartner mit seinem umgebauten Lastenrad um die Ecke biegt, dauert es nicht lange, bis sein Gefährt von Kindern belagert und er mit Fragen bombardiert wird. Ein bisschen wirkt er mit seiner grellorangen Jacke wie ein Gaukler oder Straßenhändler, während er in die Pedale des klapprigen Rads tritt, auf dem vorn eine große Holzkiste und rundherum Luftballons befestigt sind.

Seine Wirkung verfehlt das "Physikmobil" jedenfalls nicht: Die Neugier der Kinder, die sich um den Karren scharen, ist ungebremst. Und als Weingartner inmitten der Spielplatz-Betonwüste des Yppenplatzes im Wiener Bezirk Ottakring anhält, kann er sich der durcheinanderschreienden Kids kaum erwehren.

Während Weingartner, derzeit karenzierter Assistent am Institut für Strömungsmechanik und Wärmeübertragung der TU Wien, einen alten Tisch auspackt, zeigt sein Kollege Florian Kogler, ebenfalls Absolvent der technischen Physik, dass es möglich ist, einen Holzspieß in einen prallen Luftballon zu stecken, ohne dass er platzt - was nur an der kleinen Stelle an der Spitze des Ballons funktioniert. "Das kann nicht sein!", glaubt ein Bub an einen Zaubertrick, bis er es selbst ausprobiert hat.

Richtig turbulent wird es, als Weingarnter fragt: "Wer möchte eine Rakete starten?" - und eine leere Plastikflasche, deren Öffnung er mit einem Korken verschließt, in den er den Schlauch einer Fahrradpumpe schraubt und verkehrt auf ein Holzkreuz stellt. Gefüllt mit etwas Wasser knallt die Flasche hoch in die Luft und versprüht dabei das Wasser über die Umstehenden - was die Kinder umso mehr freut.

Aus der Trickkiste des Physikmobils kommen noch viele weitere an sich unspektakuläre Alltagsgegenstände, die einfache physikalische Gesetzmäßigkeiten eindrucksvoll demonstrieren: Bärlapppulver, in das hintere Ende eines Strohhalms gefüllt, bewirkt, wenn man es auf die Flamme eines Feuerzeuges bläst, eine kurze Stichflamme - so wie ein Dieselmotor nur mit Luftzufuhr anspringt. Den einfachsten Elektromotor kann ein jedes Kind betreiben: Dazu teilt Weingartner Batterien aus, an die eine Schraube und ein Magnet angehängt werden. Ein Draht, der den Magneten und den freien Pol der Batterie verbindet, bringt die Schraube zum Rotieren.

Seit etwas mehr als einem Monat tingelt der Physiker mit Clownqualitäten durch Parks, Fußgängerzonen und Jugendzentren in Wiens Außenbezirken, um die vor allem in Großbritannien weit verbreitete Methode des "Science Busking" - die Vermittlung wissenschaftlicher Themen mit Elementen des Straßentheaters - auch hierzulande zu etablieren.

Dass er Wissenschaft prägnant und unterhaltsam erklären kann, hat der 33-Jährige schon 2008 als Sieger des Talentwettbewerbs FameLab bewiesen, wo Nachwuchsforscher ihre Arbeit in fünf Minuten so gut wie möglich auf den Punkt bringen müssen. Beim europäischen Finale in Großbritannien stieß er auch auf Science Busking: "Die Briten sind da viel weiter und machen Aktionen auf Autobahnraststätten, in Pubs und Supermärkten", schildert Weingartner. "Es geht darum, dass man mit einfachsten Mitteln die Leute verblüfft und zeigt, dass naturwissenschaftliche Phänomene nicht nur Spaß machen, sondern dass man sie auch verstehen kann."

Mit seinen meist gruppendynamischen Aktionen geht es dem vierfachen Familienvater darum, vor allem Kids aus bildungsfernen Schichten "Appetit zu machen" und ihnen zu zeigen, dass eine technische Ausbildung eine Perspektive sein kann. "Leider wird Physik zum Großteil sehr abschreckend vermittelt", begründet Weingartner, der sich an der Uni eine Lehrveranstaltung und bestenfalls einen eigenen Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation wünscht.

Auf der Straße sei zwar wenig Zeit, in die Tiefe der Physik zu gehen, räumt Weingartner ein. Deshalb teilt er auch jedes Mal Flyer für die Workshops in Jugendzentren aus, wo auf alle Fragen näher eingegangen werden kann. "Wir sind ein bisschen wie Rattenfänger", schmunzelt er. "Die Resonanz ist immer überraschend gut."

Daran besteht kein Zweifel - zumindest die Kinder auf dem Yppenplatz können gar nicht genug kriegen von den Experimenten. Für nächstes Jahr plant Weingartner eine Ausdehnung der Aktion auf die Bundesländer. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 17.06.2009)

  • Experimentieren mit eiskaltem flüssigem Stickstoff kann ziemlich lustig sein.
    foto: der standard/corn

    Experimentieren mit eiskaltem flüssigem Stickstoff kann ziemlich lustig sein.

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