Der Philosoph als diskursiver Meinungsbildner

16. Juni 2009, 18:53
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Einer der wichtigsten Denker der Gegenwart wird am Donnerstag 80 Jahre alt - Als Philosoph modernisierte er die Kritische Theorie, als Intellektueller den öffentlichen Diskurs Deutschlands

Philosophen denken in langen Zeiträumen. Für den Philosophen Jürgen Habermas ist im Lauf seines langen Lebens der erste Aufklärer Kant immer wichtiger geworden, während Hegel, der idealistische Denker des Staatswesens und des objektiven Geists, in eine "pragmatische" Perspektive rückte. 250 Jahre, oder eher 2500 Jahre bis zurück zu Platon und Aristoteles, reicht der Horizont der Philosophie mindestens.

Manchmal verlangt die Situation aber nach einer Aussage, die direkt und ein wenig ungeschützt auf die Gegenwart gerichtet ist. So nutzte Habermas 2006 in Wien seine Rede anlässlich der Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises für das politische Buch zu einer Vorausschau auf unsere aktuelle Lage.

Anlässlich der Europawahlen 2009 meinte er: "Wenn es nicht gelingt, die polarisierende Frage nach der Finalité, dem Worumwillen der europäischen Einigung zum Gegenstand eines europaweiten Referendums zu machen, ist die Zukunft der Europäischen Union im Sinne der neoliberalen Orthodoxie entschieden."

Drei Jahre später ist nicht nur das Worumwillen der europäischen Einigung weiterhin äußerst undeutlich. Auch die Orthodoxie des Neoliberalismus müsste eigentlich in den Grundfesten erschüttert sein - nur sieht alles danach aus, dass es an einem vernünftigen Gegenmodell fehlt.

Jürgen Habermas, der am 18. Juni 80 Jahre alt wird, hat sich nie gescheut, zu Fragen dieser Art Stellung zu nehmen. Er unterscheidet dabei allerdings immer genau zwischen seinem Beruf, der Philosophie und seiner öffentlichen Rolle eines Intellektuellen.

Intellektuelles Wechselspiel

Einen Philosophen wird es nicht unmittelbar interessieren, wie es um die "Zurückgewinnung der politischen Gestaltungskraft auf einer supranationalen Ebene" steht. Zugleich gibt es aber unabweisbare Zusammenhänge zwischen dieser Gestaltungskraft und der theoretischen Konzeption von Öffentlichkeit oder von Moral, wie sie in der Philosophie erörtert werden. Den Weltruhm, den Jürgen Habermas sich als Philosoph und als Intellektueller erworben hat, verdankt er genau diesem Wechselspiel.

Seine philosophische Stellung im 20. Jahrhundert lässt sich dahingehend charakterisieren, dass er die "ältere" Kritische Theorie der Frankfurter Schule noch einmal entscheidend aufgeklärt hat. Er hat die im Denken von Adorno noch vorhandene "Normativität" (und die damit zusammenhängende Geschichtsphilosophie) in eine Theorie der Rationalität überführt, die Vernunft immer als intersubjektiv begreift und Gesellschaft als Ort kommunikativen Handelns.

Der berühmte Begriff vom "herrschaftsfreien Diskurs" macht dabei deutlich, dass seine Konzeption immer bis zu einem gewissen Grad formal bleiben muss. Demokratie ist immer wieder auf einen "Mentalitätswandel" angewiesen, dieser wiederum ist nur möglich, wenn es eine "vitale und nach Möglichkeit diskursive öffentliche Meinungsbildung" gibt.

Zu dieser hat Jürgen Habermas seit einem frühen engagierten Zeitungsartikel über Martin Heidegger im Jahr 1953 konsequent beigetragen. In den letzten Jahren waren es vor allem Fragen der Bioethik und der seiner Meinung nach zu weit reichenden "Naturalisierung" des Geists, die ihn beschäftigt haben, aber auch Fragen des Religiösen.

Vernünftige Intuitionen

In seinem Hauptwerk Theorie des kommunikativen Handelns hatte 1988 noch eine "Abwehr fundamentalistischer Ansprüche" am Ende gestanden, heute rückt Habermas nicht selten die "vernünftigen Intuitionen" der Weltreligionen in den Blick, ohne deswegen von dem "nachmetaphysischen Beharren auf dem normativen Eigensinn einer detranszendentalisierten Vernunft" abzurücken.

So klingt Jürgen Habermas in seinem Beruf als Philosoph. Als öffentlicher Intellektueller hat er sich aber immer wieder der Arbeit der Übersetzung und Vermittlung unterzogen - und so den großen konzeptionellen Rahmen seines Denkens überzeugend mit vernünftigen Inhalten gefüllt. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Printausgabe, 17.06.2009)

Bei Suhrkamp ist anlässlich des 80. Geburtstags eine fünfbändige Studienausgabe mit philosophischen Texten von Jürgen Habermas erschienen.

Link
Preisrede von Jürgen Habermas anlässlich der Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises für das politische Buch 2005 (pdf-File)

  • Wider eine EU "im Sinne der neoliberalen Orthodoxie": Jürgen Habermas im Jahr 2006 anlässlich der Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises für das politische Buch in Wien.
    foto: der standard/corn

    Wider eine EU "im Sinne der neoliberalen Orthodoxie": Jürgen Habermas im Jahr 2006 anlässlich der Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises für das politische Buch in Wien.

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