Iran: Revolution wider Willen

16. Juni 2009, 18:09
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Mussavi führt jetzt eine Bewegung an, deren Inhalte er sich vor kurzem wahrscheinlich nicht einmal zu denken getraut hat

Wenn die Demonstranten in Teheran "Tod dem Diktator" rufen, dann meinen sie nicht Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad. Für ihn genügt ein abfälliges "Bye-bye, Doktor!" . Auch wenn das iranische Regime mit dem Ausmaß der Proteste noch immer leicht fertig wird, notfalls eben mit brutaler Gewalt, kann diese offene Ablehnung des Systems auf einer erstaunlich breiten Basis den "Siegern" der Präsidentenwahl (die Debatte, wer wirklich gewonnen hat, ist heute nur mehr zweitrangig) nicht egal sein - außer sie haben, was in der Geschichte häufig vorkommt, ihre eigenen Anfänge vergessen.

Umso erstaunlicher, dass Mir-Hossein Mussavi, selbst ein Teil dieses Systems, das er seinerseits früher rücksichtslos gegen Dissidenten verteidigt hat, nicht längst die Notbremse gezogen hat. Er führt jetzt eine Bewegung an, deren Inhalte er sich vor kurzem wahrscheinlich nicht einmal zu denken getraut hat. Gestern forderte er zwar seine Anhänger auf, zu Hause zu bleiben, aber gab als Grund die Sorge um sie an. Ob er tatsächlich zu einem Oppositionsführer heranwächst, kann man noch nicht sagen.

Jedenfalls fällt es auf, dass ihn auch ein persönliches Gespräch mit dem religiösen Führer Ali Khamenei am Sonntag nicht "zur Vernunft", von dessen Warte aus gesehen, gebracht hat. Hier ist es ein atmosphärisches Detail am Rande, dass Mussavi in den 1980er-Jahren nicht nur der Premier des damaligen Präsidenten Khamenei war. Die beiden haben ihre Wurzeln auch im selben Ort in Westaserbaidschan. Wer weiß, was alles in ihr Verhältnis hineinspielt.

Außer nach der Führung einer Protestbewegung ist die zweite große, völlig unbeantwortete Frage, ob diese jemals eine kritische Masse erreichen wird. Die mittelständische iranische Jugend, die auf den Versammlungen Mussavis zu sehen ist, unterscheidet sich von den Ahmadi-Nejad-Anhängern gerade dadurch, dass ihr das Wort "Revolution" gehörig auf die Nerven geht. Sie will etwas anderes, nämlich von der Revolution, die die iranischen Neocons ständig im Mund führen, in Ruhe gelassen zu werden. Ist sie bereit, dafür wieder so etwas wie eine Revolution durchzustehen?

Natürlich gibt es auch einen ideologischeren Teil der Bewegung, er ist wohl, wie meist, hauptsächlich an den Universitäten zu finden. Da könnte dem Regime die Jahreszeit zu Hilfe kommen. Es stehen die Sommerferien vor der Tür. Mit den in die Provinzen zurückströmenden Studenten werden zwar auch die Nachrichten über die Brutalität der Herrschenden transportiert, aber um wieder Ruhe und Ordnung herzustellen, kann das auch ganz nützlich sein. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2009)

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