Unigesetzesnovelle: Der gezähmte Freigeist

16. Juni 2009, 20:47
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Universitäten 2009: Von Quasi-Aufsichtsräten und akademischer Systemgastronomie

Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei." Dieser Satz aus Artikel 17 des Staatsgrundgesetzes von 1867 war dem Gesetzgeber so wichtig, dass er ihn im Verfassungsrang abgesichert hat. Aber wie frei sind die Universitäten denn wirklich noch?

Angesichts der politischen Änderungen - nicht nur der nationalen - wirkt ihre Freiheit substanziell gefährdet. Dabei hat sich Österreich mit dem Universitätsgesetz (UG) 2002, das international sogar zum Vorreiter mutierte, vermeintlich ganz dem Freiheitsgedanken verschrieben - und den Unis die Gnade der Autonomie als Umschreibung für größtmögliche Freiheit von der Ministerialdirektive zuteil werden lassen. Was sicher richtig war.

Nur begreift das Freiheitsparadigma des UG und der ersten Novelle die Unis im Kern als unternehmensähnliche Gebilde - trotz rhetorischer Distanzierungen. Die hohen Schulen gelten als betriebswirtschaftlich zu führende Gebilde, in denen es Wissens- und Absolventenproduktion autonom zu managen gilt - allerdings unter Rahmenbedingungen, die das Management eines "normalen" Unternehmens nie und nimmer akzeptieren würde. Es ist Mangelwirtschaft, die in keiner Relation zum Kundenpotenzial steht.

Dem Zugewinn an Freiheit für die unternehmerische Universität steht ein paradoxer Verlust an Freiheit für die Universität im Humboldt'schen Sinn gegenüber. Auch exekutiert durch die UG-Novelle 2009, mit der etwa der Senat, das einzige der drei Leitungsgremien (neben Rektorat und Uni-Rat), das rein mit Uni-Angehörigen besetzt ist, weiter marginalisiert bleibt.

Der extern besetzte Uni-Rat dagegen, der Quasi-Aufsichtsrat der Unis - ohnehin schon mit übergroßer Machtfülle -, wird weiter gemästet mit Einflussmöglichkeiten. Damit geraten die Unis nach und nach unter externe Kuratel und verlieren zwangsläufig etwas von dem akademisch-anarchischen Freigeist, der sie idealiter zum Nukleus intellektueller Inspiration und Auseinandersetzung macht. Denn Wissenschaft und Studium brauchen Freiräume - die aber werden immer kleiner (gemacht).

Vor allem auch durch die von der EU forcierte "Bologna-Architektur" , die im Kern eine großangelegte Freiheitsberaubung der Unis und der Studierenden ist. Der politische Plan für ein europaweit vereinheitlichtes Studiensystem im Dreischritt von Bachelor/Master/PhD hat etwas in Bewegung gesetzt, das dem Urgedanken universitärer Bildung unwiederbringlichen Schaden zufügt. Es ist eine Bildungsverhinderung, die ihresgleichen sucht. Denn überspitzt formuliert bedeutet das System "Bologna" universitäre Systemgastronomie: Ein Modul von dem, bitte, und eins von dem dazu, es muss schnell gehen, schaut überall gleich aus, schmeckt gleich. Aber schmeckt's auch gut?

Der Kalorienwert, im Bologna-Sprech "Workload" , meint den Arbeitsaufwand, um ein Modul zu verdauen. Runterschlingen trifft's eher, denn für den Bachelor - von der Politik als neuer Normabschluss gewünscht - sind in der Regel nur drei Jahre vorgesehen. Kommt den Staat billiger und soll die Akademikerquote schneller auffetten.

Freiheit für intellektuelle Streunereien, für Texte, die kein Muss im Lehrplan sind, oder Vorlesungen, die reiner Hirnluxus sind, bleibt da kaum noch. Vier Bachelor-Jahre akademisches Milieu bis zum Abschluss sind schon genehmigungsbedürftig - wegen Überlänge. Zudem wird der Massen-Bachelor rigide verschult zum Zwecke der "Beschäftigungsfähigkeit" - aber ist das nicht der Job der Fachhochschulen?

Es ist auch eine Form geistiger Enteignung der Universitäten, wenn sie neuerdings in erster Linie Schnellsiede-Akademiker ohne Anbindung an die Forschung durchschleusen sollen.

Und die Idee von der Einheit von Forschung und Lehre? Kein Thema mehr. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 17. Juni 2009)

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