"Einige halten sich noch mit 55 Jahren für jung"

16. Juni 2009, 17:48
59 Postings

Die sozialistische Abgeordnete Aurélie Filippetti wünscht sich im STANDARD-Interview einen neuen Namen für ihre Partei

Im Gespräch mit Stefan Brändle plädiert sie für eine positive Vision.

*****

STANDARD: Die europäische Linke hat bei den EU-Wahlen fast durchwegs ein Debakel erlitten. Der Parti Socialiste (PS), unter François Mitterrand über ein Jahrzehnt lang an der Macht, ist heute auf 17 Prozent der Stimmen abgesackt. Warum?

Filippetti: Die französischen Sozialisten glaubten, sie seien auf ewig die stärkste Linkspartei und kämen bei Wahlen regelmäßig an die Macht zurück. Auch die Unterstützung durch die Intellektuellen, die Gewerkschaften und Vereine schien ihnen sicher. In Wahrheit haben sie ihre politische Vision verloren. Auch ihr angestammtes Thema der "rupture" (Wandel, Bruch) hat ihnen Nicolas Sarkozy vor der Nase weggeschnappt. Heute stehen die Sozialisten vor einem Scherbenhaufen.

STANDARD: Sogar die Grünen, die in Frankreich wenig verankert sind, liegen heute gleichauf mit dem PS, der am besten organisierten Partei Frankreichs ...

Filippetti: Die Grünen propagieren eine neue Art, zu produzieren und zu konsumieren. Sie verkörpern insofern eine politische Utopie, und dafür geben die Franzosen gerne ihre Stimme ...

STANDARD: ... während der PS an der Bürde der politischen Machbarkeit schleppt. Haben Sie ein Rezept?

Filippetti: Wir müssen die soziale Ungerechtigkeit bekämpfen, wir müssen für die Qualität der Bildung kämpfen - aber wir brauchen auch eine positive Haltung zur Wirtschaft, zur Globalisierung und zur Einwanderung. Wir müssen zu einer positiven Vision zurückfinden, Vorschläge machen zur Sozialversicherung, zu den Staatsschulden ...

STANDARD: Probe aufs Exempel: Was kann die Linke zu den Staatsdefiziten schon anderes sagen als die Rechte, die zum Sparen anhält?

Filippetti: Die Rechte behauptet zu sparen, aber sie macht es nicht. Um die Staatsverschuldung abzubauen, müssen wir das Steuersystem ändern. Wegen des Gewichtes der indirekten Steuern gibt es in Frankreich fast keine soziale Progression. Das ist sehr ungerecht. Wir müssen die Abgaben der Kleinverdiener und der einfachen Arbeiter vermindern, die Last auf das Kapital verlegen. Das bedeutet gerechtere Steuern - nicht mehr Steuern!

STANDARD: Die Arbeiterklasse - der Ihre Familie entstammt - wählte aber bei den Präsidentschaftswahlen 2007 nicht die Linke, sondern den Bürgerlichen Sarkozy!

Filippetti: Weil er versprach: "Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen." Seitdem sich dieser Slogan nicht verwirklicht hat, glauben die Leute dem Präsidenten nicht mehr. Die Linke muss noch lernen, für eine starke Wirtschaft einzutreten.

STANDARD: Und wie konkret?

Filippetti: Wir brauchen eine französische und europäische Industriepolitik, die sich spezialisiert. Das bedingt Investitionen in die Forschung und die Ausbildung. Wir müssen das Know-how der älteren Arbeiter auf die jüngeren übertragen und in den Dienst neuer Technologien stellen.

STANDARD: Die Rechte sagt zum Teil das Gleiche.

Filippetti: Sie beschränkt sich auf schöne Worte. Die Ankurbelungspläne der Pariser Regierung waren katastrophal. Milliarden flossen in die Autokonzerne. Diese haben den Wandel verschlafen und erwürgen dafür die kleinen Zulieferer. Tausende Jobs gehen nun verloren.

STANDARD: Warum haben junge Parteihoffnungen wie Sie so viel Mühe, sich gegen die alte Parteigarde durchzusetzen?

Filippetti: Im PS halten die Parteiführer, die sogenannten Elefanten, die Jungen prinzipiell für ihre Feinde. Es ist ein absurder Krieg der Generationen. Einige halten sich noch mit 55 Jahren für jung! Ihr Misstrauen richtet sich gegen jene, die ihren Parteiausweis noch nicht zwanzig Jahre lang haben.

STANDARD: Ist das Parteiadjektiv "sozialistisch" noch zeitgemäß?

Filippetti: Nein, das muss sich ändern. Es gibt keinen Grund, sich an Vorstellungen aus dem 20. Jahrhundert zu klammern. Ein Namenswechsel wäre ein Symbol für eine neue Modernität. Warum nicht etwas wie "Linkspartei"? (DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2009)

  • Zur PersonAurélie Filippetti (36) ist sozialistische
Abgeordnete. Sie wird dem PS-Reformflügel zugerechnet. Die
Geisteswissenschafterin widmete den Roman, "Les derniers jours de la
classe ouvrière" ihrem Großvater, der aus Italien einwanderte und in
den Stahlhütten Lothringens arbeitete, bevor er als Widerstandskämpfer
deportiert wurde.
    foto: standard

    Zur Person
    Aurélie Filippetti (36) ist sozialistische Abgeordnete. Sie wird dem PS-Reformflügel zugerechnet. Die Geisteswissenschafterin widmete den Roman, "Les derniers jours de la classe ouvrière" ihrem Großvater, der aus Italien einwanderte und in den Stahlhütten Lothringens arbeitete, bevor er als Widerstandskämpfer deportiert wurde.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der französische Parti Socialiste ringt nach dem Debakel bei der Europawahl um einen neuen Kurs.

Share if you care.