Handel erhöht die Dosis

16. Juni 2009, 17:36
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Flaue Umsätze und volle Lager lassen viele Händler die Reißleine ziehen: Der Sommer-Schlussverkauf startet früher denn je

Flaue Umsätze und volle Lager lassen viele Händler die Reißleine ziehen: Der Sommer-Schlussverkauf startet früher denn je. Nur wenige Betriebe profitieren, die Margen sinken. Manch einer sehnt strengere Reglementierung zurück.

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Wien - Der Sommer ist vorbei. Zumindest im Handel, und dem kann Ernst Mayr nur wenig abgewinnen.

Der Chef der Modestraße Fussl legt mit dem Schlussverkauf in etwa einer Woche los. Viele seiner Mitbewerber haben dann bereits 14 Tage des Preisschleuderns hinter sich.

Völlig verfrüht sei der Abverkauf heuer gestartet, ein klares Zeichen für die Nervosität und Probleme im Handel, meint Mayr. Er selbst sehe keinen Anlass, gute Ware über voreilige Aktionen an den Kunden zu bringen. "Das ist der falsche Weg."

Österreichs Händler ziehen heuer früher denn je die Reißleine. Die Umsätze vieler Betriebe sind mager und ihre Lager voll. Wer beim Ausverkauf vorprescht, verschafft sich kurzfristig höhere Liquidität. Peek & Cloppenburg versuchen etwa bereits seit einer Woche mit massiven Rabatten auf sommerliche Mode zu locken. Dass der Sommer am Kalender noch längst nicht begonnen hat, spielt im Tanz ums Aktionsgeschäft keine Rolle. Bei den Schuhhändlern eröffnete Deichmann den frühen Reigen. "Ich hätte dazu bisher keinen Anlass gesehen" , sagt Gottfried Maresch, Vorstand von Leder & Schuh. Sein Konzern ziehe nun bei einzelnen Sparten mit. Man könne sich ja nicht unterbieten lassen, anderen das Feld überlassen. Auch Vögele Shoes hat den Sommer eine Woche früher als in den vergangenen Jahren eingeläutet. Es soll helfen, die flauen Umsätze des Junis etwas anzukurbeln, aber das Ganze sei nicht unriskant für die Branche, räumt Unternehmenschef Roland Mark ein. Es beschneide jedenfalls die Marge.

Der Anteil der Aktionsware mache bei Schuhen schon jetzt mehr als Viertel des gesamten Geschäfts aus. Bei Bekleidung werde übers Jahr verteilt oft nur mehr die Hälfte des Sortiments regulär verkauft, lassen Unternehmer wissen.

Glück von kurzer Dauer

"Der Abverkauf ist wie eine Droge" , resümiert der Handelsexperte der Wiener Wirtschaftsuniversität, Peter Schnedlitz, "er macht kurzfristig high, aber langfristig krank" . Und es brauche immer höhere Dosen, mit Rabatten von 70 Prozent sei es schon bald nicht mehr getan. Verdienen ließe sich damit längst nichts mehr, der Effekt verpuffe.

Pünktlich zu den Ausverkäufen flammt auch die Debatte um stärkere Regulierung neu auf. Manch Händler wünscht sich die Zeit von vor 1992 zurück. Damals ließ das Gesetz Abverkäufe nur für höchstens drei Wochen zu, meist im Jänner und September. Eine Abkehr von der Liberalisierung erlaube jedoch der Kunde nicht, ist Michael Oberweger vom Consulter Regioplan überzeugt. Seine Preissensibilität sei hoch, sein Gedächtnis gut, ergänzt ein Branchenkollege. Wer einmal schleudere, müsse das zeitgleich immer wieder tun. "Kunden kaufen Prozente, nicht Produkte." Dass dabei das Gefühl für den Wert einer Ware verlorenginge, mache es nicht einfacher. "Wir leben im Zeitalter der Events", sagt Roman Seeliger von der Wirtschaftskammer. Es brauche Kaufimpulse, und einer davon sei der Abverkauf. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.6.2009)

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    Im Handel liegen bei vielen Unternehmen die Nerven blank. Konsumenten sparen, früher Ausverkauf verspricht schnelle Liquidität. Der Anteil der Ware, der zu regulären Preisen verkauft wird, sinkt.

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