Staatliche Muskelspielchen

16. Juni 2009, 17:34
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Zensur und polizeiliche Willkür bestimmen den Alltag sibirischer Kunstschaffender

Moskau - Ab 2004 gab es "Monstrationen" in Nowosibirsk: Jeden ersten Mai gingen junge Künstler auf die Straße und trugen dadaistische Spruchbänder: Mancher der darauf befindlichen Slogans charakterisiere Russland besser als Putins Staatsfunk, meinte der Publizist Semjon Nowoprudski.

Mit Dadaismus dürfte es in der sibirischen Metropole einstweilen vorbei sein: Der 22-jährige "Monstration" -Chefideologe Artjom Loskutow hatte sich kürzlich geweigert, ohne Vorladung zu einer "Besprechung" mit der Polizei zu kommen. Wenige Stunden später wurde der Künstler verhaftet, Beamte fanden bei ihm "zufällig" eine geringe Drogenmenge, Loskutow will damit nichts zu tun haben.

Nach fast einem Monat in U-Haft wurde er vergangene Woche entlassen. Gestern, Dienstag, stellte der Künstler in einer Nowosibirsker Ausstellung das Ankläger-Dossier vor. Das Erstaunliche: Obwohl ihm formal Drogenbesitz vorgeworfen wird, ist in vielen Dokumenten nur von der "Monstration" die Rede.

Eine zwiespältige Situation: Während russische Künstler ausgelassen die Eröffnung der Biennale in Venedig feierten und manche ihren Aufenthalt in der Lagunenstadt mit einem Besuch auf Roman Abramovichs Superyacht krönten, saßen andere im Gefängnis - oder haben wegen ihrer künstlerischen Tätigkeit existenzbedrohende Strafverfahren am Hals. "Unrechtmäßiger Antiextremismus" nennt das die Moskauer NGO Sova sperrig. Gemeint sind staatliche Aktionen, die bürgerliche Freiheiten beschränken, obwohl sie sich ausschließlich gegen inakzeptable Radikalismen wie Fremdenfeindlichkeit richten sollten.

Fest steht: Ein auch gegen die zeitgenössische Kultur instrumentalisierter "Antiextremismus" hat derzeit Hochkonjunktur. Das mag mit einer krisenbedingten Nervosität der Behörden zu tun haben. "Besprechungen" von Künstlern und Literaten mit Polizei und Geheimdienst stehen vor allem in der Provinz auf der Tagesordnung.

Gefahr für soziale Existenz

In Nischni Nowgorod überfielen Sonderpolizisten Anfang Mai ein Seminar der bekannten Künstlergruppe "Was tun?" im Staatlichen Zentrum für zeitgenössische Kunst. In Moskau startete kürzlich der Prozess gegen die Kuratoren Andrej Jerofejew und Juri Samodurow. Mit einer Liberalisierung und rechtsstaatlichen Standards, die von Präsident Dmitri Medwedew erhofft worden waren, hat das allesamt nichts zu tun. Dabei steht im Moskauer Prozess viel auf dem Spiel: Für die Kuratoren geht es um ihre soziale Existenz. 2007 hatten Samodurow und Jerofejew im Andrej-Sacharow-Zentrum Werke renommierter Künstler präsentiert. Die Arbeiten, u. a. von Ilja Kabakow und Aleksandr Kosolapow, waren im Jahr zuvor aus Selbstzensurgründen nicht gezeigt worden.

Religiöse Fundamentalisten witterten in der Schau Verbotene Kunst 2006 sofort einen Skandal, vor allem wegen Kosolapows "Kaviar-Ikone". Und obwohl es 2008 Gerüchte gegeben hatte, dass Putins Spindoctor Wladislaw Surkow einem Galeristen den Verzicht auf den Prozess versprochen hätte, klagte die Staatsanwaltschaft an. Das Delikt: Schüren von religiösem Hass. Das Strafmaß: drei bis fünf Jahre.

Samodurow war bereits 2005 wegen einer Ausstellung zu einer Geldbuße verurteilt worden, eine erneute Verurteilung könnte nun Haft bedeuteten. Und an ein faires Verfahren glaubt kaum noch jemand: In der Anklageschrift kommen lediglich zwei Zeugen der Verteidigung vor, dafür 136 Zeugen der Anklage. Von Letzteren hatten fast 90 Prozent die Ausstellung gar nicht gesehen. Am 19. Juni wird weiterverhandelt. (Herwig G. Höller, DER STANDARD/Printausgabe, 17.06.2009)

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