Bittner: "Gehe völlig frei und ein bisschen entlastet"

16. Juni 2009, 13:01
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Der WGKK-Obmann richtet bei seinem Abschied mahnende Worte an die Bundesregierung - Grüne: "Kapitän verlässt als Erster das sinkende Schiff"

Franz Bittner (55) wird sich mit Ende Juni aus der Sozialversicherung zurückziehen, wie DER STANDARD gestern bereits berichtete.

"Ich gehe völlig frei und ein bisschen entlastet", sagte Bittner. Er habe in seiner Funktion als WGKK-Obmann seit 1997 von der Belastung her immer einen "Betonblock" mitgeschleppt - "und der schleppt sich jetzt mit dem Alter schwerer als vor zwölf Jahren". Gleichzeitig dementierte er Gerüchte, wonach sein Abgang auch mit etwaigen Auseinandersetzungen mit der eigenen Partei zu tun habe. Konflikte mit SPÖ-Politikern gebe es schon lange nicht mehr. Hier herrsche seit der Regierung Faymann eine andere Situation.

Der gelernte Lithograph will künftig wieder dort tätig sein, "wo ich hergekommen bin" - nämlich in der Privatwirtschaft. Gemeinsam mit einem Partner hat Bittner das Unternehmen "Peri Human Relations" gegründet, wobei der Noch-Kassenchef die Minderheit hält.

Grüne-Kritik: "Kapitän verlässt als Erster das sinkende Schiff"

Die Wiener Opposition hat am Dienstag Missfallen über die Entscheidung Franz Bittners, sich mit Monatsende als Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) zurückzuziehen, bekundet. "Der Kapitän verlässt als Erster das sinkende Schiff", kommentierte die Grüne Gesundheitssprecherin Sigrid Pilz den Entschluss. In dieselbe Kerbe schlug ihr FPÖ-Kollege David Lasar. Bittners berufliche Neuorientierung sehe eher wie eine "Flucht vor der Verantwortung" aus, attestierte er in einer Aussendung. Lob gab es hingegen von der Bundes-ÖVP.

In seinem Resümee wies der Obmann den Vorwurf, die (schwer defizitäre, Anm.) WGKK könne nicht wirtschaften, zurück: "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht." Demnach wären die Verwaltungskosten 2008 um 14 Prozent unter dem Wert von 2000 gelegen und würden nun lediglich noch 2,2 Prozent der Gesamtausgaben betragen. Auch beim Personalstand habe man trotz neu übertragener Aufgaben einsparen können.

Einsparungspotenzial gebe es vielmehr im Gesundheitsbereich der Bundeshauptstadt: "Wien ist eine Stadt der Säftemesser und Bildermacher", verwies Bittner auf die seiner Meinung nach übertriebenen Ausgaben in den Bereichen Labor und Radiologie. Zudem würden oft zu viele Medikamente verschrieben werden, was weder der Gesundheit der Patienten noch der Kostensituation zuträglich sei.

"Schönstenn und interessanteste beruflichen Jahre"

Appelle richtete der scheidende Obmann auch an die Bundesregierung. Durch die föderalistischen Strukturen des Gesundheitswesens werde viel Geld ausgegeben, jedoch nicht immer effizient. Dieses Thema müsse ernst angegangen werden, es dürfe nicht bei "politischen Lippenbekenntnissen" bleiben. Im Zuge seiner Funktion sei er immer wieder mit Konflikten auf politischer Ebene konfrontiert gewesen. "Die ÖVP-Kontrolle hat auf den Roten Bittner aufgepasst", scherzte er.

Der künftige Unternehmensteilhaber bezeichnete seine WGKK-Vergangenheit als "schönste und interessanteste berufliche Jahre meines Lebens". Er habe zu Beginn "null Ahnung" von der Sozialversicherung und einen "Riesen-Respekt" vor der WGKK gehabt. Die Verhandlungen würden ihm abgehen.

Wer diese in Zukunft führen wird, wird erst im Herbst feststehen. Zuerst wird am ÖGB-Bundeskongress Ende Juli jene Person nominiert, die in den Kassenvorstand nachrückt. Der vollzählige Vorstand wählt dann voraussichtlich im September den neuen Obmann. Dieser vertritt in Folge die WGKK in der Trägerkonferenz, die ebenfalls im Herbst ihren neuen Vorsitzenden bestimmt. (APA)

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