Conti streicht letzte Industriejobs in Traiskirchen

16. Juni 2009, 17:41
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198 ehemalige Semperitler sind für den deutschen Reifenhersteller Continental in Traiskirchen in Niederösterreich noch tätig. Sie verlieren mit Jahresende ihre Jobs

198 ehemalige Semperitler sind für den deutschen Reifenhersteller Continental in Traiskirchen in Niederösterreich noch tätig. Sie verlieren mit Jahresende ihre Jobs. Der Konzern begründet dies mit Markteinbrüchen.

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Wien - Es wäre für die 198 verbliebenen Semperitler "ja noch gut gewesen" , sagt Bernhard Trilken, für die weltweite Pkw-Reifen-Produktion des deutschen Continental-Konzerns verantwortlich, am Dienstag, denn an und für sich hätte die Gummi-Mischhalle in Traiskirchen bereits 2005 zusperren wollen. "Doch in den Jahren danach wurden alle Kapazitäten gebraucht" , so Trilken im Gespräch mit dem Standard in Wien, wohin die Manager kurzfristig eine Pressekonferenz einberufen hatten.

Knapp davor informierten die Conti-Leute die Belegschaft in Traiskirchen: Mit Jahresende 2009 ist Schluss. Endgültig. Denn der Konzern sehe sich derzeit mit Überkapazitäten von 18 Millionen Stück Reifen (von insgesamt 97 Millionen) pro Jahr konfrontiert. Dies habe auch einen deutlich geringeren Bedarf an Vorprodukten zur Folge. Statt 1200 Kilotonnen Gummimischung, wie im Vorjahr, würden heuer lediglich 900 Kilotonnen gebraucht. Der Standort Traiskirchen habe 100 Kilotonnen produziert. Er wird aufgelassen, "weil er im Konzern der einzige alleinstehende Standort der Vormaterialienfertigung ist" , sonst wird direkt in den acht europäischen Werken gemischt.

Laut Trilken werde das hohe Produktionsniveau von 2007 so schnell nicht wieder erreicht. Selbst wenn der Markt ab sofort wieder um fünf Prozent pro Jahr wachsen würde ("Es gibt keine Prognosen, die das vorhersagen" ), bräuchte man fünf Jahre, um den 20-Prozent-Markteinbruch wieder wettzumachen.

Für die 198 Mitarbeiter in Traiskirchen bestünde der 2002 vereinbarte Sozialplan sowie die "Arbeitsstiftung" weiter, sie könnten Schulungsmaßnahmen in Anspruch nehmen. Laut Conti-Angaben seien die Maßnahmen mit 14 Mio. Euro dotiert.

Der langjährige Bürgermeister der Semperit-Gemeinde im niederösterreichischen Industrieviertel, Fritz Knotzer (SPÖ), ließ am Dienstag per Aussendung verlautbaren: "Traiskirchen trägt heute Schwarz." Übrigbleiben "am einst so mächtigen Standort und der Gründungsstätte der Semperit" (siehe Kasten) wird lediglich der Vertrieb (rund 100 Angestellte). Knotzer weiter: "Einmal mehr zeigt sich, wohin das Streben nach mehr Profit und höheren Dividenden im Interesse einiger weniger führt." Damit spielt er darauf an, dass das Reifenwerk bei der Schließung 2002 operativ in den schwarzen Zahlen gelegen sei. In Tschechien, wohin die Fertigung abwanderte, konnte aber noch billiger produziert werden.

Pneus der Marke Semperit werden weiterhin europaweit gefertigt - die Reifenwerke sind nicht auf Marken, sondern auf Dimensionen spezialisiert, so Trilken. Semperit sei zwar in Österreich mit rund 30 Prozent Marktanteil die meistverkaufte Reifenmarke, im Conti-Konzern insgesamt jedoch nur eine Marginalie. Lediglich vier von 80 Millionen Reifen tragen den österreichischen Traditionsnamen.

Der Hannoveranische Konzern - seit dem Vorjahr unter der Kontrolle der Schaeffler-Gruppe - produziert außer Semperit Reifen der Marken Continental, Barum, Uniroyal, General Tire, Gislaved, Viking, Mabor und Matador. Semperit wird vor allem als Reifen für den alpinen Raum propagiert. Conti erwarte, so Trilken, keine Rückgänge beim Geschäft in Österreich, die über die allgemeine Marktschrumpfung hinausgehen. Nach der Werksschließung 2002 habe es lediglich einen "Ausschlag" nach unten gegeben.

Die Continental AG streicht derzeit weltweit Kapazitäten zusammen, große Teile der Belegschaft sind in Kurzarbeit. In Frankreich gab es deswegen sogar Ausschreitungen vor dem Werk in Clairoix. Derzeit sucht man nach einem Käufer. Auch das Lkw-Reifenwerk am Stammsitz in Hannover wurde redimensioniert.

Schaeffler - der Conti-Mutterkonzern gehört der gebürtigen Österreicherin Maria-Elisabeth Schaeffler und ihrem Sohn - hat sich an der Übernahme Contis finanziell überhoben und muss deswegen und wegen der Autokrise ebenfalls 4500 Jobs abbauen. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.6.2009)

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    19. Juli 2002: Betriebsratschef Alfred Artmäuer (li.) und ein Kollege tragen den letzten "echten" Semperitreifen aus dem Werk in Traiskirchen. Sieben Jahre später lässt der Mutterkonzern Continental auch die Vorfertigung von Gummimischungen auf. Die Nachnutzung des Werksgeländes durch einen Industriebetrieb ist äußerst fraglich.

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    In Traiskirchen bleibt nur noch der Vertrieb mit 100 Mitarbeitern.

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    Ein Arbeiter am 6.Dezember 2001 nach Ende einer Betriebsversammlung. Der deutsche Reifenkonzern Continental schließt nun die Reste des ehemaligen Semperit-Reifenwerks.

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