Österreichs Lehrer wünschen sich Feedback und Wertschätzung

16. Juni 2009, 12:06
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TALIS-Studie: Anteil der Frauen in den Schulleitungen, mangelnde Evaluierungen und zu wenig unterstützende Personal machen Österreichs LehrerInnen Sorgen

Österreichs Lehrkräfte arbeiten mehr als ihre internationalen Kollegen, sind aber mit ihrer Arbeit zufrieden - so zumindest die eigene Einschätzung der PädagogInnen. Dies ist eines der Ergebnisse, die im Rahmen der am Dienstag präsentierten TALIS-Studie (Teaching und Learning International Survey) durch Befragung von LehrerInnen und SchuldirektorInnen erhoben wurden. Weiter Ergebnisse: Obwohl Frauen als Lehrkräfte überdurchschnittlich stark vertreten sind, werden sie nur selten mit der Leitung einer Schule beauftragt, vor allem der Mangel am unterstützendem Personal erschwert den Unterrichtsalltag. Interne wie externe Evaluierungen werden seltener ausgeführt als im OECD-/EU-Durchschnitt.

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Weniger Frauen in Führungskräften

In Österreich sind 68 Prozent aller Lehrkräfte weiblich (OECD-Schnitt 69 Prozent), wobei nur 29 Prozent der SchulleiterInnen Frauen sind (OECD-/EU-Schnitt 43 Prozent). Österreichs Lehrkräfte sind älter als der OECD-Durchschnitt (78 Prozent der österreichischen LehrerInnen sind über 40 Jahre alt, im OECD-/EU-Schnitt sind es 58 Prozent).

Österreichs Lehrkräfte geben an, im Durchschnitt ungefähr 20 Stunden mit Unterrichten, 15 Stunden mit der Vor- und Nachbereitung und 8 Stunden mit administrativen und anderen Tätigkeiten beschäftigt zu sein. Die Gesamtarbeitszeit ist laut Eigenangaben mit 43 Stunden um vier Stunden höher als der OECD-/EU-Schnitt. Bei der letzten Education-at-a-Glance-Studie 2008 lag die Arbeitszeit der österreichische Lehrer deutlich unter OECD-Schnitt. Damals kam ein österreichische Volksschullehrer auf durchschnittlich 774 Jahresunterrichtsstunden (der OECD-Schnitt lag bei 812), HauptschullehrerInnen unterrichteten durchschnittlich 607 Stunden im Jahr (OECD-Schnitt: 717) und GymnasiallehrerInnen kamen auf eine Jahresunterrichtszeit von 589 Stunden (OECD-Schnitt: 687).

Personelle Mängel beeinträchtigen Unterricht

Die SchulleiterInnen in Österreich sehen den Unterricht vor allem durch personelle Mängel beeinträchtigt. Dies wird nicht zuletzt durch das Verhältnis von unterstützendem Personal zur Anzahl der Lehrkräfte mehr als deutlich. Im OECD-/EU-Schnitt kommen auf eine pädagogisch unterstützende Kraft (Psychologe, Logopäde) 16 Lehrkräfte und auf eine administrative Kraft neun LehrerInnen. In Österreich kommen auf 29 LehrerInnen eine pädagogisch unterstützenden Kraft und auf 25 LehrerInnen kommt eine administrative Kraft.

Österreich sei damit in einer "einzigartigen Situation", so Projektleiterin Juliane Schmich. "Lehrer müssen Aufgaben erfüllen, die in anderen Ländern etwa von Sozialarbeitern durchgeführt werden", so Schmich.

Bei der Autonomie der Schulen sehen die SchulleiterInnen gute Möglichkeiten in den Bereichen Lehrplan und Schülerpolitik. Beim Schulbudget und beim Personal ist jedoch nur sehr geringe Selbstständigkeit gegeben. Im Vergleich mit anderen OECD-/EU-Ländern liegt Österreich bei der Autonomie im letzten Viertel.

Schmied: "Schulen in einer verkrusteten Bürokratie-Struktur gefangen

Bundesministerin Claudia Schmied sieht sich in ihrer Forderung nach mehr Managementfunktionen der Schulleitung bestätigt: "Unsere Schulen sind teilweise in einer verkrusteten Bürokratie-Struktur gefangen. Während andere Länder viel mehr Verantwortung an die Schulleitung übertragen, wird bei uns noch sehr viel vom Verwaltungsapparat gesteuert. Ich will mehr Verantwortung am Schulstandort. Ein Direktor soll an der Zusammensetzung des Lehrerteams mitwirken können. Auch brauchen wir mittleres Management an größeren Schulen", so Schmied

Von den 4.300 befragten LehrerInnen gaben 97 Prozent an, in den letzten 18 Monaten eine formelle Fortbildung (Kurse, Workshops) absolviert zu haben. Während Österreich damit den höchsten Anteil an LehrerInnen aufweist, die eine Fortbildung besucht haben, liegt die durchschnittlichen Fortbildungsdauer mit 11 Tagen in 18 Monaten im unteren Drittel der OECD-/EU-Vergleichsländer.  Den häufigsten Grund dafür sehen die LehrerInnen im Fortbildungsangebot (64 Prozent), 45 Prozent  wünschen sich mehr Fortbildungen.

Österreichs LehrerInnen sind mit ihrer Arbeit zufrieden

Österreichs LehrerInnen sind mit ihrer Arbeit größtenteils zufrieden. 93 Prozent stimmten der Aussage "Alles in allem bin ich mit meiner Arbeit zufrieden" eher oder ganz zu. Gestört werden könnten die Lehrer höchstens durch die Schüler (61,4 Prozent der Lehrer nennen dies als einen Grund), durch Flüche (44,6 Prozent - OECD-/EU-Schnitt 36,5 Prozent) oder durch Vandalismus (30,8 Prozent - OECD-/EU-Schnitt 27,1 Prozent).

Sowohl bei internen wie externen Evaluationen liegt Österreich unter dem OECD-/EU-Schnitt. 58 Prozent der befragten Lehrkräfte gaben an, dass in ihrer Schule in den vergangenen fünf Jahren intern evaluiert wurde (im OECD-EU-Schnitt war dies in 80 Prozent der Fall). An 40 Prozent der österreichischen Schulen wurden auch externe Evaluierungen durchgeführt (der OECD-EU-Schnitt liegt hier bei 69 Prozent).

Bundesministerin Schmied sieht Reformbedarf bestätigt

"Die Ergebnisse der TALIS-Studie zeigen, dass auch unsere Lehrer im österreichischen Schulsystem Handlungsbedarf sehen", so Bundesministerin Claudia Schmied. "Die Tatsache, dass die Lehrer in dieser Befragung Defizite im Bereich Schulverwaltung, unterstützendes Personal, Schulautonomie und Schulevaluation beschreiben, ist ein Beleg dafür, dass die Bildungsreform nicht nur im Interesse der Eltern und Schüler ist," so die Ministerin weiter. Besonders der niedrige Frauenanteil in Führungspositionen ist für die Ministerin "ärgerlich". Es müssen bei der Bestellung von Direktionen objektivere Kriterien angewandt werden, da "das bisherige System offensichtlich zu Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen führt". Weiters sieht die Ministerin ein Grundproblem bei der fehlenden "Feedback-Kultur". "Schule muss selbst zum "lernenden System" werden", so Schmied. (seb, derStandard.at, 16.6.2009)

Info

Bei der TALIS-Studie (Teaching and Learning International Survey) werden LehrerInnen und SchulleiterInnen nach ihrem Arbeitsplatz, den Unterrichtsbedingungen und ihren Einstellungen und Überzeugungen gefragt. An der Studie haben 23 Länder teilgenommen, Deutschland und die Schweiz waren nicht dabei. In Österreich wurde die Studie vom Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung (BIFIE) im Auftrag von Bildungsministerin Claudia Schmied durchgeführt. Im März 2008 wurden an 248 Schulen ungefähr 4.300 LehrerInnen sowie die SchuleiterInnen mittels Fragebogen befragt.

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