"Auf die Straße, fertig, los!"

16. Juni 2009, 19:11
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Am Samstag bumpert wieder die Freeparade als Demo durch Wien - Polizeirepression und eine zeitgleiche, unpolitische Veranstaltung sorgen für Ärger

Am Samstag, den 20. Juni rollt sie bereits zum dritten Mal durch Wiens Straßen, die Freeparade. Doch der lautstarke Umzug mit zahlreichen schwer beladenen Musik-Trucks ist keine Spaßparade im eigentlichen Sinn, sondern eine politische Demonstration gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung. Die OrganisatorInnen der Freeparade haben mit allerlei Problemen zu kämpfen, wenn es darum geht, die Route der Parade und den Ort der Abschlusskundgebung mit der Polizei auszuverhandeln, oder durch eine parallel stattfindende kommerzielle Veranstaltung einen scheinbaren Konkurrenzkampf aufgezwungen zu bekommen.

Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit

Die fünf Hauptslogans der Freeparade: "Die Krise heißt Kapitalismus", "Kampf gegen Sexismus und Homophobie", "Gegen eine Festung Europa" , "Stopp der Überwachung", "Raum leer, Raum her", machen deutlich, worum es geht. Die Freeparade und ihre TeilnehmerInnen wollen selbstorganisierte, alternative Lebensformen zum derzeitigen System aufzeigen und ins Bewusstsein rufen, dass tatsächliche Veränderungen in der Verantwortung jeder und jedes Einzelnen liegen. Der Wunsch nach Veränderung wird durch Musik und Tanz ausgedrückt.

Ziel ist es, ein Lebensgefühl zu vermitteln, das auf Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit basiert. Dem liegt die Meinung zugrunde, dass Politik von Menschen und nicht von Parlamentsparteien ausgeht. Aus diesem Selbstverständnis heraus ist die Freeparade finanziell und parteipolitisch unabhängig.

"Die Motivationen der Demo-TeilnehmerInnen sind sehr unterschiedlich", berichtet Aktivist Michael W., der die Techno-Bewegung als "linke Ursuppe" bezeichnet. "Der Common Sense ist der, dass wir das bestehende Wirtschaftssystem ablehnen", sagt Michael W., "und auch die gesellschaftlichen Strukturen, die bei uns vorherrschen", ergänzt Aktivistin Claudia K.

Probleme mit der Route

Vom Europaplatz beim Westbahnhof ausgehend soll sich der Zug die Mariahilferstraße hinunterwälzen, sofern es die Polizei zulässt. Claudia K. weiß aus Erfahrung, dass die Route immer wieder für Ärger sorgt: "Die Polizei versucht jedes Jahr wieder, die Demonstration daran zu hindern, sich durch die Mariahilferstraße zu bewegen, weil dadurch Einkaufssamstage in Mitleidenschaft gezogen werden. Das aber ist eine unserer Hauptmotivationen, weil solche Einkaufsstraßen Zentren des Kapitalismus sind."

Terminkollision

Die Route wird heuer sicher nicht wie in den letzten Jahren über den Ring führen, da dort zur selben Zeit eine Werbeveranstaltung der Wiener Clubszene, das Streetfestival, stattfindet. Die Terminkollision wird von den AktivistInnen der Freeparade als "feindseliger Akt" der Streetfestival-Organisation betrachtet. Da aber alle Termine vor den Ferien belegt sind und man "gegen Donauinselfest und Regenbogenparade ohnehin nicht ankommt", so Claudia K.,  war der 20. Juni wohl die naheliegendste Variante. Die Organisatoren des Streetfestivals reagierten übrigens bis zum Erscheinen dieses Artikels nicht auf eine Anfrage von derStandard.at.

Zwei Welten

Mit der politischen Freeparade und dem Streetfestival werden zwei Welten gegenübergestellt. "Das Streetfestival verkörpert die komplette Kommerzialisierung und Ausbeutung von Partykultur", sagt Claudia K., "wir aber wollen mit der Freeparade beweisen, dass antikommerzielle Selbstorganisation funktionieren kann und man auch was Leiwandes auf die Beine stellen kann, wenn man keine Millionen-Sponsoren im Rücken hat."
Für Michael W. ist es "wichtig, unsere Idee in die Praxis umzusetzen und zu zeigen, dass selbstbestimmtes Leben mehr Spaß machen und man ein besseres Gefühl haben kann, als in Richtung Profitmaximierung orientierte Freizeitgestaltungen dies können. Denn der einzige Sinn von kommerziellen Veranstaltungen ist Konsum."

Kommerzielle Parallelveranstaltung

"Was ich an dem Streetfestival so absurd finde", ergänzt Claudia K., "ihr Motto ist Love, Peace und Happiness mitten in Wien. Kurioserweise aber hatte man das Etablissement "Goldentime" als Sponsor vorgesehen. Schwer vorstellbar, wie die Verharmlosung und Legitimation des Verkaufs von menschlichen Körpern in das Konzept des Streetfestivals passen soll. Immerhin stünden solche Etablissements dann in einer Reihe mit der altgedienten Wiener Clubszene rund um Flex, U4, Volksgarten, usw." Michael W. befürchtete, dass es "denen nur darum ging, Prostitution salonfähig zu machen und in der Eventszene zu positionieren."

Auf Betreiben des Freeparade-Kollektivs, welches bei der am Streetfestival beteiligten Jugendorganisation wienXtra bezüglich des zweifelhaften Sponsors aus dem Rotlichtmilieu urgierte, wurde dem Goldentime die Teilnahme an der Veranstaltung untersagt. Mittlerweile wurde auch das Logo von der Homepage entfernt. Ende April diesen Jahres hat der Betreiber des FKK-Saunaclubs, Alexander Gerhardinger, übrigens eine fix-verzinsliche "Rotlicht-Anleihe" auf den Markt gebracht.

Letztes Jahr nahmen rund 7.000 Menschen an der Freeparade teil. Nach der Veranstaltung gab es Anzeigen gegen die Anmelderin der Demo. In einer Stellungnahme richtete der Einsatzleiter der letzten Freeparade "das Ersuchen, solche Veranstaltungen nicht mehr zu genehmigen. Die Lärmentwicklung verursacht ungemeinen Stress in jedem Körper und mit Sicherheit Körperverletzung bei Passanten und Einsatzkräften, was zu beweisen aber fast nicht möglich ist". 

Polizeirepression

"In Österreich will keine Polizeibehörde wahrhaben, dass eine Demonstration per Verfassung nicht genehmigungspflichtig ist. In Wahrheit haben sie es zur Kenntnis zu nehmen und entsprechende Maßnahmen zu setzen", erklärt Michael W. die Rechtslage. Wesentlich angenehmer verlaufen "Genehmigungsverfahren" bei kommerziellen Veranstaltungen. Das Streetfestival verursacht zwar ebenfalls eine beträchtliche "Lärmentwicklung", konnte aber ohne Probleme angemeldet werden.

Claudia K. dazu: "Das Demonstrationsrecht ist kein Gnaden- sondern ein Grundrecht." Michael W. weiß von den Polizeirepressionen auch allerhand Kurioses zu berichten: "Wir haben uns mit dem Ort für die Abschlusskundgebung nach ihnen gerichtet, mit dem Ergebnis, dass wir dann dort vor Absperrgittern gestanden sind. Die Bundespolizei-Direktion Wien hat nur das Ziel, solche Demonstrationen zu verunmöglichen und das, obwohl das Demonstrations-Konzept von Anfang an ein friedliches war."

Soundcheck und Personencheck

Damit bei der Parade alles ordnungsgemäß ablaufen konnte, wurde die Behörde in den vergangenen Jahren stets dabei unterstützt, wenn es darum ging, bei allen Systemen einen Soundcheck von Magistratsbeamten durchführen zu lassen, "tatsächlich aber, wie sich erst heuer herausgestellt hat, war bei jedem Soundcheck anstelle eines zweiten Magistratsbeamten, wie ursprünglich angegeben, auch ein Mitglied des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung dabei. Jeder Wagen samt Autonummer und Verantwortlichem wurde notiert", zeigt sich Michael W. verärgert über die Polizeirepression.

Welche Musik auf der Freeparade gespielt wird, ist eigentlich nebensächlich. Warum die Parade aber oft zu einer Techno-Veranstaltung mutiert, hat den einfachen Grund, dass viele aus der Bewegung Lautsprecher, Aggregate und Lastwagen parat haben und schneller mobil sind, als andere.

Politisierung

"Sinn der Freeparade ist vor allem eine Politisierung der Musikszene und des Alltaglebens im Allgemeinen. Politik spielt sich nicht nur innerhalb der Parteien und im Parlament ab. Jede Aktion, die man setzt, weil man für oder gegen etwas steht, ist bereits politisch", findet Claudia K., die an die Demo-TeilnehmerInnen appelliert: "Selbstorganisation setzt ein hohes Maß an Eigenverantwortung voraus. Da es sich um eine politische Veranstaltung handelt, sollte sich jede(r) entsprechend verhalten."

Michael W. findet die Entwicklung der Technobewegung problematisch: "Elektronischer Untergrund ist keine Szene, sondern eine Bewegung - Community not scene." Wichtig wäre, "zum Ursprung zurückzufinden, sonst hat die Bewegung ihre Existenzberechtigung verloren."  (Thomas Hirner, derStandard.at, 16. Juni 2009)

  • Das Organisationsteam der Freeparade merkt an: "Es gibt kaum mehr Freiräume, in denen wir selbstbestimmt leben
können. Unser Leben wird bestimmt von rassistischen, sexistischen und
kapitalistischen Normen. Davon haben wir genug!"
"Deswegen rollt die Freeparade wieder. Auch heuer  werden wir
lautstark die Straßen zurückerobern. Wir sind viele, wir sind wütend
und wir sind überall! Wir wollen unser Leben und wir wollen es jetzt!"
    foto: freeparade

    Das Organisationsteam der Freeparade merkt an: "Es gibt kaum mehr Freiräume, in denen wir selbstbestimmt leben können. Unser Leben wird bestimmt von rassistischen, sexistischen und kapitalistischen Normen. Davon haben wir genug!"

    "Deswegen rollt die Freeparade wieder. Auch heuer  werden wir lautstark die Straßen zurückerobern. Wir sind viele, wir sind wütend und wir sind überall! Wir wollen unser Leben und wir wollen es jetzt!"

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    foto: freeparade
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    flyer: freeparade
  • "Jeder von uns muss täglich in diesem Wahnsinn leben. Daran wird
sich nichts ändern, wenn wir's nicht tun. Wir müssen uns vernetzen und
uns dem entgegenstellen!"
    foto: freeparade

    "Jeder von uns muss täglich in diesem Wahnsinn leben. Daran wird sich nichts ändern, wenn wir's nicht tun. Wir müssen uns vernetzen und uns dem entgegenstellen!"

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