"Warten, bis sich der Staub legt"

15. Juni 2009, 18:09
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US-Experte: Ahmadi-Nejad könnte nun eher verhandeln

Die Ereignisse in Teheran, sagt Charles Kupchan, könne man in zwei Varianten interpretieren: "Das optimistische Szenario ist, dass wir einen Erosionsprozess eines Regimes sehen wie in den 1980er-Jahren in Polen. Die pessimistische Einschätzung geht davon aus, dass das politische Establishment die Ränge geschlossen hat, weil man fürchtete, die Revolution könnte durch die gesellschaftliche Öffnung in Richtung Frauen und mehr Liberalismus großen Schaden nehmen."

Interessant in diesem Zusammenhang ist für den prominenten Politologen und Senior Fellow beim US-Council on Foreign Relations, der sich dieser Tage für die Feierlichkeiten zum 30-jährigen Bestehen des Österreichischen Instituts für Internationale Politik in Wien aufhält, dass sich die iranische Geistlichkeit nach einigem Abwägen auf Mahmud Ahmadi-Nejads Seite geschlagen hat. Nun würden die Welt und die USA, die den Iran stets als monolithisches System gesehen hätten, Zeuge davon, wie ein - relativ - pluralistisches System zurückgestutzt und die politische Opposition hinausgedrängt werde.

Die Frage, die sich für die Amerikaner stelle, ist laut Kupchan: "Ist es nun wahrscheinlicher, dass Teheran mit den USA kooperiert, oder ist eher das Gegenteil der Fall?" Er selbst schließt eine Erleichterung des Verhältnisses gar nicht kategorisch aus, da es nun keinerlei Dynamik mehr geben dürfte, mit der Ahmadi-Nejad seinen Status in der iranischen Machtmatrix konsolidieren muss: "Er ist jetzt nicht mehr so verletzbar wie noch vor der Wahl."

Washington jedenfalls werde in den kommenden Wochen sehr vorsichtig im Umgang mit dem Iran sein. "Man wird warten, bis sich der Staub gelegt hat, und dann weitersehen." Gebe es das iranische Regime dann noch, würden die USA weiter mit ihm zu verhandeln versuchen - "ganz einfach, weil wir es uns im Atomstreit gar nicht erlauben können, nicht mit ihnen zu reden" . Nur wenn sich die Situation im Iran deutlich zum Schlechteren wende, Menschenrechtsverletzungen im großen Stil begangen würden und Blut fließe, könnte Washington nicht mehr mit Teheran ins Geschäft kommen.

Was derzeit in der US-Administration diskutiert werde, sei, den Iranern eine kontrollierte Anreicherung von Uran unter strengen Auflagen zuzugestehen.

Trotz der Ereignisse in Teheran laufe die Öffnungspolitik für Präsident Barack Obama derzeit gut. Erreicht er damit allerdings bis Anfang 2010 keine konkreten Ergebnisse, werde er in Teufels Küche geraten. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2009)

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