Teurer Bahnhof sucht günstigen Anschluss

15. Juni 2009, 19:22
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Seit Jahren wird darüber diskutiert, nun wird's ernst: Der Hauptbahnhof soll eine Standseilbahn bekommen

Infrastrukturministerium und Stadtregierung einigten sich auf eine Ausschreibung zur Kostenermittlung.

Wien – Dass der Wiener Südbahnhof nicht ans U-Bahn-Netz angeschlossen ist, hat auch sein Gutes – zumindest dann, wenn die alte Halle abgerissen wird, um dem neuen Hauptbahnhof Platz zu machen. Denn im Gegensatz zur Riesenbaustelle Wien-Mitte, bei der aufgrund des laufenden U-Bahn-Betriebs jede Menge schwer durchschaubare Fahrgast-Umleitungen entstanden sind, wird sich am Südbahnhof die Zahl der herumirrenden Menschen in Grenzen halten.

Ab Dezember wird nämlich der gesamte Südbahnverkehr am Bahnhof Meidling halten, während die Ostbahn vorläufig an einer provisorischen Haltestelle im Schweizer Garten, gleich neben dem Südbahnhof, endet – abenteuerliche Umwege mitten durch die Baustelle ersparen sich Zugreisende also.

Noch im Juni soll mit dem Bau der temporären Stationsgebäude am Wiedner Gürtel begonnen werden. Läuft alles nach Plan, wird der neue Wiener Hauptbahnhof 2012 in Teil- und 2014 in Vollbetrieb gehen. Bis dahin ist idealerweise auch klar, wie der neue Hauptbahnhof am Wiedner Gürtel – beziehungsweise der dazugehörige neue Stadtteil dahinter – an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen ist.

Fehlplanung Südbahnhof

Dass die U1 einige hundert Meter am Südbahnhof vorbeifährt, gilt heute als Musterbeispiel für verfehlte Verkehrsplanung. Das neue Bahnhofsgebäude befindet sich zwar näher an der U1-Station Südtiroler Platz als die vor fast 50 Jahren eröffnete Südbahnhofshalle, ideal angebunden ist der neue Hauptbahnhof, an dem künftig der gesamte überregionale Personenverkehr abgewickelt werden soll, aber trotzdem nicht.

Weshalb auch seit Jahren in regelmäßigen Abständen die Idee eines "Automated People Movers" - einer Art Standseilbahn – für die Erschließung des Gebiets auftaucht. Bürgermeister Michael Häupl ließ kürzlich verlauten, der "Cable-Liner" – so nennt eine der Herstellerfirmen dieses Verkehrsmittel – werde sicher kommen. Geschätzte 40 Millionen soll die neue Grätzel-Bahn kosten, die Stadt Wien werde sich, so Häupl, daran beteiligen.

Morgen, Mittwoch, präsentieren Infrastrukturministerin Doris Bures (SP) und Bürgermeister Michael Häupl jedenfalls gemeinsam ein Infrastrukturpaket für Wien, das unter anderem die "funktionale Ausschreibung zur Ermittlung der Projektkosten für den Cable Liner beim neuen Hauptbahnhof" beinhaltet. Bis Ende des Jahres sollen laut ÖBB-Pressesprecherin Alexandra Kastner die Kosten für das Projekt evaluiert werden, die vor allem von der Trassenführung abhängen. Es seien "mehrere Projektpartner möglich" , sagt Kastner.

Warum muss für die Anbindung des künftig wichtigsten Bahnhofs der Stadt erst ein neues Verkehrsmittel geschaffen werden? "Dass der neue Zug eine Verbindung zwischen Bahnhof und U-Bahn herstellt, ist ein positiver Nebeneffekt" , sagt Kastner. Beim "Automated People Mover" gehe es aber vor allem um die Anbindung der Büro- und Wohnhäuser hinter dem Bahnhof. Im ersten Schritt könnte der auf kurze Strecken ausgelegte Zug vom Südtiroler Platz entlang des Gürtels über den Bahnhof bis zum Zwanzigerhaus führen, in einem zweiten Schritt – voraussichtlich 2019 – dann bis zur geplanten U2-Station Gudrunstraße.

Dass in die Diskussion um einen Anschluss mittels Standseilbahn nach längerer Pause nun wieder Bewegung kommt, steht laut Stadtregierung in keinem Zusammenhang mit dem Umstand, dass der Rechnungshof das Projekt Hauptbahnhof derzeit prüft. "Die Möglichkeiten für ein solches Verkehrsmittel werden schon seit längerer Zeit geprüft" , sagt Vera Layr, Sprecherin von Planungsstadtrat Rudi Schicker. Im Herbst soll der Rohbericht der Rechnungshofprüfer vorliegen, die sich derzeit mit der Öffi-Erschließung des 933 Millionen teueren Hauptbahnhofs beschäftigen.

Mehr Bus und Bim

Für die grüne Verkehrssprecherin Ingrid Puller ist jetzt schon klar, dass eine eigene Seilbahn für die Bahnhofcity eine Schnapsidee ist:"Es ist absolut unnötig, einen neuen Verkehrsbetrieb zu erfinden. Wesentlich sinnvoller wäre es, die bestehenden Öffis auszubauen." Denn während die Wartungskosten für eine Standseilbahn schwer abzuschätzen seien, sei die Verbesserung der Bus- und Bimverbindungen wesentlich unkomplizierter.

Das sieht auch Verkehrsexperte Michael Palfinger so: "Das Beste wäre, den D-Wagen über das Areal bis zum Quellenplatz fahren zu lassen. Das wäre günstiger und würde außerdem Favoriten mit der Innenstadt verbinden." (Martina Stemmer/DER STANDARD-Printausgabe, 16.6.2009)

  • Das Postgebäude neben dem Südbahnhof ist schon weg, bald wird auch die Ankunfshalle Geschichte sein: Am Wiedner Gürtel entsteht Wiens neuer Hauptbahnhof.
    foto: christian fischer

    Das Postgebäude neben dem Südbahnhof ist schon weg, bald wird auch die Ankunfshalle Geschichte sein: Am Wiedner Gürtel entsteht Wiens neuer Hauptbahnhof.

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