"Er hat gesagt, er will so nicht mehr leben"

15. Juni 2009, 20:42
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15 Jahre Haft für Horst S., der am Montag zugab, auf seinen Freund Rudolf P. geschossen zu haben

Er beharrte aber darauf, dass er ihm damit "nur geholfen" habe

Korneuburg – War es Mord oder Tötung auf Verlangen? Das war die wesentliche Frage, die die Geschworenen am Montag am Landesgericht Korneuburg zu beantworten hatten. "Dazwischen liegen Lichtjahre" , sagte Verteidiger Harald Ringelmann. Jahre auf jeden Fall: Auf Tötung auf Verlangen stehen maximal fünf Jahre Haft, auf Mord eine bis zu lebenslange Haftstrafe. Staatsanwalt Wolfgang Pekel plädierte auf Mord: Horst S. habe einen finanziellen Vorteil aus seiner Handlung ziehen wollen. Weiters liege Versicherungsmissbrauch und ein Verstoß gegen das Waffengesetz vor.

Der 36 Jahre alte Angeklagte gab unter Tränen zu, auf seinen Freund Rudolf P. geschossen zu haben, des Mordes bekannte er sich aber "nicht schuldig" . Der Weinviertler sagte, er habe P., den er damals seit etwa zwei Jahren kannte, an jenem Sonntag im Oktober "nur geholfen" . Der 38-Jährige Trafikant wurde am 15. Oktober 2008 tot in einem Weingarten in Bad Pirawarth gefunden. Mit einer Schusswunde im Bauch und einer im Kopf.

Laut S. habe P., der an einer chronischen Darmerkrankung litt, ihm erzählt, er wolle sich umbringen. Er habe von einem Arzt erfahren, dass er nicht mehr lange zu leben habe. P. habe ihn gebeten, seinen Tod wie einen Raubmord aussehen zu lassen, die Tatwaffe und Wertgegenstände deshalb verschwinden zu lassen. P., der 220.000 Euro Schulden gehabt hat, habe gesagt, dass sonst seine Lebensversicherung nicht ausgezahlt werde. Er habe S. für seine Hilfe zwei Kaufverträge für zwei BMW, 700 Euro, einige Stangen Zigaretten, Schmuck, sein Handy und ein Navigationsgerät gegeben. "Ich habe immer gesagt, ich will das alles nicht" , beteuerte der Lagerarbeiter, der etwa 30.000 Euro Schulden hat, am Montag mehrmals.

P. habe ihn immer wieder angefleht, ihm zu helfen. S.: "Er hat gesagt, er will so nicht mehr leben." Also trafen sich die beiden am 13. Oktober bei einer Tankstelle und fuhren in die Weinberge in Bad Pirawarth im Bezirk Gänserndorf. Die Pistole hatte P. sich nach einem auf seine Trafik verübten Raubüberfall besorgt. P. habe ihn dann im Weingarten gebeten, auf ihn zu schießen. S. sagt, er habe sich geweigert. Wie lange sie debattiert hätten, will Richterin Xenia Krapfenbauer wissen. "Fünf bis zehn Minuten" , sagte P. Nach einem Probeschuss in die Luft habe er abdrücken sollen, wenn ein Lkw in der Nähe vorbeifuhr, damit es keiner hören konnte. "Ich konnte nicht" , erzählt S., aber sein Freund habe ihn angefleht, und da habe er abgedrückt. P. habe ihm vorher gesagt, er solle zweimal schießen, wenn er nicht gleich tot sei. Also feuerte er ein zweites Mal, zielte aus nächster Nähe auf den Kopf. "Dann bin ich davongelaufen."

"Kaum zu erklären"

Was dann passierte, ist laut Gerichtsmediziner Christian Reiter medizinisch kaum zu erklären: Trotz "erheblicher Verletzungen im Gehirn" schleppte P. sich noch in seinen Wagen und fuhr etwa 150 Meter, bis er in einem Weingarten hängen blieb. P. hievte sich noch aus dem Wagen und robbte sich etwa 20 Meter weiter, bis er starb. Wenn die Kriminalisten nicht ebenso zum Ergebnis gekommen wären, dass P. noch so schwer verletzt mit dem Auto gefahren sei, hätte er das gar nicht geglaubt, sagte Reiter.

Auch Petra P., die mit ihrem Mann 20 Jahre verheiratet gewesen war, konnte nicht glauben, was passiert war. Er sei bis zuletzt "lustig" gewesen. Dass ihm der Lebenswille abhanden gekommen sein könnte, habe sie nicht bemerkt, von seinen Schulden nichts gewusst. Und wegen seiner Darmkrankheit habe er zwar "immer wieder Krämpfe gehabt" , aber nach einer Operation sei es ihm besser gegangen. Aus P.s Krankengeschichte ist laut Gutachter Reiter auch nicht ersichtlich, dass er zuletzt einen Arzt aufgesucht habe.

Die Geschworenen entschieden auf Mord. Das Urteil lautet auf 15 Jahre Haft für den "verlangten Mord" , der Spruch ist noch nicht rechtskräftig.(Gudrun Springer/DER STANDARD-Printausgabe, 16.6.2009)

  • Als S. amMontag in Saal 1 des Landesgerichts Korneuburg Platz nahm, war er gefasst. Später beteuerte er unter Tränen, er habe Rudolf P., den er imOktober erschossen haben soll, nur helfen wollen.
    foto: gudrun springer

    Als S. amMontag in Saal 1 des Landesgerichts Korneuburg Platz nahm, war er gefasst. Später beteuerte er unter Tränen, er habe Rudolf P., den er imOktober erschossen haben soll, nur helfen wollen.

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