Zu einfach gegen Vorurteile

15. Juni 2009, 16:49
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Im Juli 2005 explodieren in London mehrere Bomben - Der Mann und die Frau können ihre Kinder nicht erreichen - Beide brechen also in die Metropole auf

Ein Mann und eine Frau gehen ihren Alltagsbeschäftigungen nach. An zwei verschiedenen Orten, in zwei verschiedenen Ländern. Sie wissen nichts voneinander, aber die filmische Parallelführung ihrer Leben verheißt bereits, dass sich das noch ändern wird. Der Anlass ist dramatisch: Am 7. Juli 2005 explodieren in London in öffentlichen Verkehrsmitteln mehrere Bomben. Der Mann und die Frau können in der Folge ihre erwachsenen Kinder nicht erreichen. Beide brechen also in die Metropole auf.

Die verwitwete Landwirtin von der Insel Guernsey, die ihre Tochter Jane vermisst, wird von der verdienten Brenda Blethyn gespielt. Ihr gegenüber agiert Sotigui Kouyaté als Förster Ousmane, der nach seinem Sohn Ali sucht; ein hagerer Mann mit angegrauten Dreadlocks und einem Gehstock, der wie eine dritte dürre Gliedmaße wirkt. 

Der Franzose Rachid Bouchareb, der zuletzt das Kriegsdrama Indigènes inszenierte, zeichnet für das Gesellschaftsdrama mit dem Titel London River verantwortlich. Positiv anzurechnen ist ihm - neben der Besetzung der Protagonisten -, dass er die Attentate nur über ihren medialen Nachhall präsent hält. Dafür ist die Botschaft seines Films - leidvolle Erfahrungen und direkte zwischenmenschliche Begegnungen wirken gut gegen Vorurteile - dann aber umso einfacher gestrickt. 

London River hatte im Februar bei der Berlinale-Premiere. Der aus Mali stammende 72-jährige Kouyaté, langjähriges Ensemblemitglied von Peter Brook, wurde prompt als bester männlicher Darsteller ausgezeichnet. Die TV-Premiere veranschaulicht jetzt allerdings auch noch einmal, dass die Berlinale bei "politischem Film" vor allem an den "human angle" und weniger ans Kino denkt. Arte, 22.30 (Isabella Reicher, DER STANDARD; Printausgabe, 16.6.2009)

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